Rot ist die Farbe der Wut. Momentan sind viele Menschen wütend in Minnesota und ich kann sie nur zu gut verstehen! Umso mehr beeindruckt es mich, wie friedlich sie dennoch sind. Sie ziehen bei minus 20 Grad durch die Straßen der Stadt, um gegen das Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE zu protestieren.
Friedliche Proteste sind in den USA durch das First Amendment der Verfassung, das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlung, geschützt. Behörden dürfen friedliche Demonstrant*innen nicht willkürlich festnehmen oder Gewalt anwenden, solange sie nicht die Rechte anderer verletzen. Erst wenn eine Demonstration nicht mehr als friedlich gilt – etwa weil Teilnehmende Gewalt anwenden, Sachschäden verursachen oder Polizeianweisungen ignorieren – kann die Polizei sie für illegal erklären und eingreifen. Der ist dann der Moment der Nationalgarde. Ich bin überzeugt davon, dass der Orange Man genau darauf lauert.
Wird aber nicht passieren!
Stattdessen werden überall rote Mützen mit Quaste gestrickt, getragen und die Bilder geteilt. Diese Mützen sind eine Neuinterpretation einer historischen Protest‑Mütze, die Norweger:innen im Zweiten Weltkrieg als Zeichen des Widerstands gegen die Nazibesatzung trugen. Binnen kurzer Zeit wurde sie damals zu einem Symbol der Hoffnung und des gemeinsamen Widerstands und das kam so:
Während der deutschen Besatzung Norwegens (1940 -1945) wurde eine rote Quastenmütze, gestrickt aus grober Wolle, anfänglich ganz normal im Alltag getragen. Mit der Zeit begannen dann Widerstandsgruppen und patriotisch gesonnene Norweger*innen, die Mütze bewusst zu tragen, um ihre Zugehörigkeit zum Widerstand oder ihre Ablehnung der Besatzer zu zeigen. Die wiederum verstanden bald, dass die Mütze zu einem stillen Symbol der Solidarität und des nationalen Zusammenhalts geworden war. Und das gefiel ihnen nicht.
Qua Gesetz verboten wurde die rote Mütze damals zwar nicht, aber Menschen, die offen damit auftraten, konnten als verdächtig gelten und riskanten Repressalien ausgesetzt sein. Denn jedes sichtbare Widerstandssymbol wurde streng überwacht.
Genau wie damals, soll die rote Mütze nun solidarisches Handeln und friedlichen Protest sichtbar machen – wenn auch in einem modernen Kontext und nicht in Norwegen, sondern in den USA. Durch das Stricken, Tragen und Teilen der Mütze zeigen Menschen, dass sie hinter den Betroffenen stehen. Gleichzeitig ist es eine gewaltfreie, kreative Form des politischen Ausdrucks, ähnlich wie die Norweger*innen damals ihre Mütze als Zeichen von Mut und Zusammenhalt nutzten.
Eine erste Anleitung wurde vor wenigen Tagen auf Instagram von dem Wollgeschäft Needle & Skein in St. Louis Park / Minneapolis vorgestellt und (zum Preis von gut 5 US$) verkauft. Der gesamte Verkaufserlös geht dabei an lokale Unterstützungsorganisationen in der Region um Minneapolis/St. Paul, um Menschen zu helfen, die von Maßnahmen der US‑Einwanderungsbehörde ICE betroffen sind. Über 400.000 US$ haben sie bereits eingenommen.
Rot ist nicht nur die Farbe der Wut, es ist auch die Farbe der Liebe.
„I’m sure you’ve heard of the things going on in Minneapolis“, schreibt eine Freundin und ich ahne, was kommt: Es geht um Familienangehörige, die Angst vor einer Festnahme haben. Auch sie hat Angst und findet es unfassbar, dass man sich im eigenen Land nicht mehr sicher fühlen kann. Die Angst der anderen belaste sie sehr. „M. is going into the city tonight to demonstrate – despite the extreme cold. I hope she will be OK. It’s not a good vibe right now. People are angry, on both sides.“
Wie antworte ich darauf?
Wie so oft, ist meine Antwort aus Wolle. Ich habe eine Mütze für M. gestrickt. Eine eher freie Interpretation der eigentlichen Melt-the-ICE Mütze: mit kürzerem Bündchen, geänderten Abnahmen und einem Blatt (statt Quaste) als Symbol der Lebens, als Zeichen für Hoffnung. Man kann meine Mütze (mit umgeklapptem Bündchen) wie eine Beanie tragen. Oder als eine Art Zipfelmütze, bei der das Blatt zur Seite oder nach hinten fallen.
Nachdem ich Mützen mit zwei Quasten auf Instagram gesehen habe, habe ich M. gefragt, ob sie ein Blatt möchte oder zwei – jeweils eines für Renée Nicole Good und Alex Jeffrey Pretti, die in Minneapolis erschossen wurden. Dazu habe ich ihr die Bilder geschickt, die hier jetzt auch sind. M. hat gejubelt. “ I LOVE it!!! Two leaves – please. You are so thoughtful.“
Morgen schicke ich die Mütze nach Minneapolis.
Was das bringt? Es ist eine friedliche, kreative Art, Solidarität zu zeigen, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und Gemeinschaft zu schaffen. Wie geschrieben, fließt der Verkauf der Anleitung (aber auch von fertigen Mützen) direkt an Organisationen, die Betroffene unterstützen. Und – last but not least – gibt das Stricken denen, die stricken, aber ebenso denen, die die Mützen tragen, ein Gefühl von Einfluss und Engagement – ein kleines, sichtbares Zeichen für einen größeren Zweck.
Wer weiß – vielleicht ist auf der nächsten Mütze die Flagge von Grönland.
Verlinkt zu Andreas Samstagsplausch

Das erinnerte mich gleich an die Freiheitsmütze der „Marianne“ auf dem berühmten Bild „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix.
Liebe Grüße
Nina
Stimmt! Du hast Recht!
Morgen werde ich dazu recherchieren.
Danke für den Hinweis!
Carina.
Toller Artikel. Danke. Ich hoffe, M. passt gut auf sich auf und sie und alle anderen roten Mützen bleiben in der Aufmerksamkeit der Welt.
Beides hoffe ich auch.
Carina.
Ich finde, mit einer Mütze seinen Unmut kundzutun, eine wunderbare Art. Ohne jemandem auf die Füße zutreten und doch auf die Füße zu treten. Es sollten viel mehr damit auf die Straße gehen. Als du mir die Geschichte von der roten Mütze erzählt hast, dachte ich daran, auch eine zu stricken. Doch hier in Berlin wird sie den gelben Mann nicht erreichen.
Andrea
Um anderen nicht auf die Füße zu treten und doch genau das zu tun, sind rote Socken vielleicht eine ebenso gute Idee 😉
Carina.
Wie wär’s wenn wir hier rote Mützen stricken und ein gemeinsames Paket nach Minneapolis oder einem anderen Ort in den USA schicken für Leute, die nicht selbst stricken können, aber welche tragen möchten?
Danke Dir für Deine Nachricht und die Idee! Leider ist die Umsetzung nicht ganz so einfach. Nicht nur, weil der Versand in die USA teuer und kompliziert ist. Auch ist ein Blog für solche Aktionen eher schwerfällig; über Social Media ließe sich wahrscheinlich schneller und mit größerer Reichweite etwas bewegen. Aber dazu braucht es eine veröffentlichte Sammeladresse. Wessen Adresse sollte das sein? Und selbst wenn sich die findet, ist vieles offen: Was passiert, wenn sehr viele Pakete eingehen? Wer koordiniert das, packt um und bringt alles gesammelt zur Post? An welche konkrete Empfängeradresse geht es am Ende? Vielleicht wäre es… Weiterlesen »