Berliner Herbst kann Beides – grau und gold. Letzteres liebe ich. Die Farben der Blätter, das Blau des Himmels, die Luft. Ich glaube, ich habe oft genug darüber geschrieben. Grau ist anders. So, wie Gold alles gold macht, macht Grau alles grau. Innen und außen. Zumindest bei mir. Gestern kam zum Grau noch Nieselregen dazu, heute ist es dafür noch ein wenig grauer.
Da hilft nur Wolle. Gerne bunt! Und tatsächlich auch eine Pulloverkonstruktion von unten nach oben. Das Beste zum Schluß! Erst Körper und Ärmel in endlosem Grün, am Ende dann die bunte Passe.
Ich habe mit den Wollresten meiner Schwester gestrickt. Jede Farbe, so weit das Fädchen gereicht hat. Farbwechsel, wo immer sie sich ergeben haben und irgendwie passte alles zusammen. Wie die bunten Blätter im Herbst. Und am Ende auch so viele Fädchen wie Blätter … (Ein „Nachtbild“, deshalb die matten Farben).
Die Anleitung für den Vængjatök hat Védís Jónsdóttir für Ístex geschrieben, gestrickt wird mit Léttlopi. Die typisch isländische Schurwolle hat einen sehr eigenen Charakter. Wer sie nicht kennt: sie ist griffig, aber eben auch rau, irgendwie kratzig. Aus Léttlopi gestrickte Pullover trage ich im Herbst statt Jacke. Mit der Zeit werden sie weicher, aber niemals so weich wie beispielsweise Merino. Sollen sie auch nicht.
Védís Jónsdóttir hat ihre Pullover einmal in Grau- und einmal in Grüntönen gestrickt. Schön, aber monoton. Gekauft habe ich die Anleitung aus anderen Gründen: mir gefielen die klassischen Muster, aber auch die schnelle Abfolge, die ich mir gut in lebhafteren Farben vorstellen konnte.
Dafür, dass sie die Anleitung erst 2021 geschrieben hat, fand ich die Arme allerdings sehr weit. Dank einem Maschenrapport von nur 16 Maschen in der Passe war es aber zum Glück nicht schwer, die Zunahmen zu reduzieren, ohne dass die Proportionen am Ende komisch aussehen. So hatte ich letztlich nicht 78 Maschen pro Ärmel auf der Nadel, sondern nur 70 und in der Passe 288 statt 304. Das ist immer noch weit genug, um den Pullover über andere Pullover zu ziehen, aber – dank der schmaleren Ärmel – ist deutlich weniger Material unter den Achseln.
Bei den kleinen Mustern oberhalb des Bündchens habe ich nicht aufgepasst und sie anders gestrickt als angegeben. Das war unbeabsichtigt und wohl der Zahnarztpraxis geschuldet. Die Muster an den Ärmelbündchen habe ich daraufhin gar nicht erst gestrickt.
Und jetzt ist er fertig! Also fast. Noch hängt er hier rum und trocknet. Aber in den nächsten Tagen wird er fertig sein für (dann hoffentlich wieder goldene) Spaziergänge im Herbst, für hellere Gedanken im Kopf. Wenn auch nicht meine. Die zukünftige Besitzerin hatte ich ab der ersten Masche im Kopf und wünsche mir jetzt sehr, dass sie sich freut!
Gegen mein eigenes Herbst-Grau werde ich mit all den anderen Dingen anstricken müssen, die hier noch liegen …
verlinkt zum Samstagsplausch 💚


Ist doch normal, denkt jetzt vielleicht die eine oder andere. Ich würde ihr sogar Recht geben, wären meinem Mann von seinen Eltern nicht fünf Vornamen mitgegeben worden. Fünf Vornamen, die zusammen (Leerzeichen eingeschlossen) 42 Zeichen haben. Dazu kommen weitere 17 Zeichen für den Nachnamen. Allerdings sind schon die Vornamen fast ebenso lang wie das, was das Überweisungsformat abbilden kann. Das heißt, wenn ich eine Überweisung mache, stehen als Absender die fünf Vornamen meines Mannes und die ersten Buchstaben seines Nachnamens (der nicht meiner ist).
Und so bekloppt es ist: hier liegen vier Rechnungen, die ich am Wochenende überweisen wollte und ich tue es nicht. Nicht so. Stattdessen habe ich der Bank geschrieben. Einen ersten Entwurf, den ich dann stündlich überarbeitet habe, bis er sachlich genug war, um ihn abzuschicken. Ich wünsche mir, das morgen alles wieder gut ist.
Parallel stricke ich an also an mehr kleinen Dingen als sonst. Momentan sind es Spüllappen. Der Erste krausrechts, der Zweite auch, aber diagonal. Der Dritte wird kariert. Bei keinem muss ich wirklich denken. Die stricken sich quasi von alleine. Das Anfangsfädchen ist mit einem kleinen Herz gekennzeichnet. So hübsch. Ich will die Fäden gar nicht vernähen. Könnte sein, dass ich deshalb einfach so lange Spüllappen stricke, wie ich noch Knäuel mit kleinen Herzen habe.
Zum Glück lagen da zwei Knäuel neben mir auf dem Sofa, die eigentlich ein weicher, kleiner Schal werden wollten. Was soll ich sagen – sie werden jetzt ein Pullover. Noch Dienstagabend habe ich angeschlagen. Wie gesagt: zwei Knäuel. Zusammen 75 gr. Das reicht im Leben nicht für einen Pullover. Nicht mal für ein Kind. War mir egal. 5er Nadeln, Raglan von oben, genug, um mich zur Konzentration zu zwingen, gleichzeitig nicht so schwer, dass ich Fehler mache. Acht Zunahmen alle zwei Runden.
Kurz: Ein nächster Pullover. (Was sonst?) Die Anleitung für den 
Meistens stricke ich allerdings kleine Mützen. Die passen dann gleich nach der Geburt oder im darauffolgenden Herbst. Freude lösen sie immer aus. So auch vor wenigen Tagen, als in Berlin ein kleiner Junge auf die Welt kam. Eine hellblaue Mütze hatten sich die Eltern gewünscht (nachdem ich schon eine kleine weiße gestrickt hatte, die aber erst im Winter passen wird) und hellblau wurde sie dann auch.
Als nächstes möchte ich Selma’s Sleep Suit stricken. Das ist ein kleiner Overall in krausrechts, mit großer Kapuze und Umschlagbündchen an Ärmeln und Beinen, die umgeklappt (ähnlich Fäustlingen und Socken) Hände und Füße warm halten. Die Wolle dafür habe ich, mehr bisher jedoch nicht … Ist sie zu bunt? Tragen Babys noch bunt? Ich muss darüber nachdenken.
Der eine ist graviert mit dem Namen „John“ und (auf der Unterseite) mit der Jahreszahl 1908. Wir haben ihn in der Küchenschublade der Schwiegermutter gefunden, als wir ihre Wohnung aufgelöst haben. Wer mag John gewesen sein? Weder der Mann noch seine Geschwister erinnern Geschichten über ihn. Auch die Jahreszahl bietet keinen Anhaltspunkt. Wäre es ein Geburts- oder Tauflöffel, hätte man dann nicht das vollständige Datum, also auch Tag und Monat graviert? Wir werden es wohl nie erfahren.
Ähnlich verhält es sich mit einem tatsächlichen Geburtslöffel, den ich irgendwann online mit passender kleiner Gabel gefunden habe. Er gehörte mal Anna-Grethe, einer Dänin, die an einem Sonntag im Juli 1967, kurz nach 17 Uhr geboren wurde. So erzählt es der Löffelschaft. Das Internet kennt sie nicht, wenn ich ihre Daten eingebe und so wird wohl auch dieser Löffel bei mir bleiben. Irgendwann wird ihn jemand in meiner Schublade finden und dann so ratlos sein, wie ich mit John.
Auch der dritte Löffel ist ein Geburtslöffel und dem von Anna-Grethe nicht unähnlich. Auch er hat im Schaft eine Uhr, darunter zwei Pendel, in die Gewicht und Größe des Babys graviert wurden. Nur ist dieser Löffel, obschon kleiner, doch deutlich massiver.
Mein Vater hatte fünf Geschwister. Bis auf eine Tante waren alle verheiratet. Vier von ihnen (keine/r von ihnen lebt mehr) hatten Kinder. Zusammen waren wir siebzehn Cousinen und Cousins. Die älteste 10 Jahre älter als ich, die jüngste 7 Jahre jünger. Da meint man doch, meine Geschwister und ich wären in einer Art Rudel groß geworden. Stimmt aber nicht.
Im vergangenen Frühjahr ist eine der Cousinen gestorben. Sie lebte in Berlin. Auf dem Bild, das mir eine ihrer Schwestern geschickt hat, sitzt sie in ihrer Küche und strickt.
Es wird dauern, bis ich das Erlebte verarbeitet habe und bei allem wünschte ich, der Anlass wäre ein anderer gewesen. Warum haben wir uns nicht schon viel früher – alle 17 zusammen – getroffen?