Kindersachen stricke ich gerne. Weil es schnell geht und weil die Größe – vorausgesetzt, das Gestrickte ist groß genug – meistens egal ist. Denn früher oder später wird das Kind wachsen und irgendwann passen dann auch Jacke oder Pullover. Und sei es mit umgekrempelten Ärmeln. So niedlich!
Meistens stricke ich allerdings kleine Mützen. Die passen dann gleich nach der Geburt oder im darauffolgenden Herbst. Freude lösen sie immer aus. So auch vor wenigen Tagen, als in Berlin ein kleiner Junge auf die Welt kam. Eine hellblaue Mütze hatten sich die Eltern gewünscht (nachdem ich schon eine kleine weiße gestrickt hatte, die aber erst im Winter passen wird) und hellblau wurde sie dann auch.
Als nächstes möchte ich Selma’s Sleep Suit stricken. Das ist ein kleiner Overall in krausrechts, mit großer Kapuze und Umschlagbündchen an Ärmeln und Beinen, die umgeklappt (ähnlich Fäustlingen und Socken) Hände und Füße warm halten. Die Wolle dafür habe ich, mehr bisher jedoch nicht … Ist sie zu bunt? Tragen Babys noch bunt? Ich muss darüber nachdenken.
Und dann sind da andere Kindersachen, die meine Gedanken beschäftigen. Nur haben sie mit Wolle nichts zu tun. Es sind Silberlöffel.
Der eine ist graviert mit dem Namen „John“ und (auf der Unterseite) mit der Jahreszahl 1908. Wir haben ihn in der Küchenschublade der Schwiegermutter gefunden, als wir ihre Wohnung aufgelöst haben. Wer mag John gewesen sein? Weder der Mann noch seine Geschwister erinnern Geschichten über ihn. Auch die Jahreszahl bietet keinen Anhaltspunkt. Wäre es ein Geburts- oder Tauflöffel, hätte man dann nicht das vollständige Datum, also auch Tag und Monat graviert? Wir werden es wohl nie erfahren.
Ähnlich verhält es sich mit einem tatsächlichen Geburtslöffel, den ich irgendwann online mit passender kleiner Gabel gefunden habe. Er gehörte mal Anna-Grethe, einer Dänin, die an einem Sonntag im Juli 1967, kurz nach 17 Uhr geboren wurde. So erzählt es der Löffelschaft. Das Internet kennt sie nicht, wenn ich ihre Daten eingebe und so wird wohl auch dieser Löffel bei mir bleiben. Irgendwann wird ihn jemand in meiner Schublade finden und dann so ratlos sein, wie ich mit John.
Auch der dritte Löffel ist ein Geburtslöffel und dem von Anna-Grethe nicht unähnlich. Auch er hat im Schaft eine Uhr, darunter zwei Pendel, in die Gewicht und Größe des Babys graviert wurden. Nur ist dieser Löffel, obschon kleiner, doch deutlich massiver.
Das Internet vergisst nicht und so kann ich sehen, dass ich ihn 2007 über eBay gekauft habe. Das Kind, zu dessen Geburt er graviert wurde, war mit 43 cm eher klein. Ich weiß, auf welchen Namen es getauft wurde, um wieviel Uhr es geboren ist und an welchem Tag. Nur kann ich jetzt nicht mehr darüber schreiben.
Denn vergangene Woche habe ich mal wieder seinen Vornamen und das Geburtsdatum gegoogelt und tatsächlich ein einziges, passendes Ergebnis bekommen. Mit Hilfe dieses Ergebnisses war es dann ganz einfach die Eltern zu finden und denen habe ich nun geschrieben. Sie sollen den Löffel wiederhaben – wenn sie ihn wiederhaben wollen – denn das Kind, für das er damals graviert wurde, lebt nicht mehr. Was ich gefunden habe, war seine Todesanzeige.
Der Löffel ist immer noch der gleiche und doch ein ganz anderer. Ich muss ständig daran denken.
Verlinkt zum Samstagsplausch


Mein Vater hatte fünf Geschwister. Bis auf eine Tante waren alle verheiratet. Vier von ihnen (keine/r von ihnen lebt mehr) hatten Kinder. Zusammen waren wir siebzehn Cousinen und Cousins. Die älteste 10 Jahre älter als ich, die jüngste 7 Jahre jünger. Da meint man doch, meine Geschwister und ich wären in einer Art Rudel groß geworden. Stimmt aber nicht.
Im vergangenen Frühjahr ist eine der Cousinen gestorben. Sie lebte in Berlin. Auf dem Bild, das mir eine ihrer Schwestern geschickt hat, sitzt sie in ihrer Küche und strickt.
Es wird dauern, bis ich das Erlebte verarbeitet habe und bei allem wünschte ich, der Anlass wäre ein anderer gewesen. Warum haben wir uns nicht schon viel früher – alle 17 zusammen – getroffen?
So habe ich 2014 mit vielen anderen Frauen im Rahmen eines Kunstprojektes „Wasser“ für einen Neuköllner Brunnen gestrickt. Ich glaube, das war der Anfang – das erste „große Ding“. Damals haben wir auf Initiative der Künstlerin Amy Klement ein großes „Meer“ aus blauen und grünen Wollquadraten gestrickt und gehäkelt. Darauf bzw. darin waren dann gehäkelte Meerestiere – also Krabben, Schwäne, eine Krake – und Seerosen. Der Brunnen, der damals schon rund 15 Jahre außer Betrieb war, sollte dadurch gewissermaßen wieder als Wasserlandschaft erfahrbar werden. Zumindest lokal hatten wir damals viel Aufmerksamkeit. 2019, nach fast 20 Jahren Stillstand, wurde er dann endlich saniert und wieder in Betrieb genommen. Heute ist er also tatsächlich wieder ein Wasserbrunnen.
Im gleichen Jahr habe ich erneut Mützen für die
Im Sommer 2015 habe ich angefangen im Rahmen von KunstAsyl wöchentliche
Später im gleichen Jahr habe ich an der Charity-Aktion
Auch lange hier sind die Pussy Hats. Ende 2016 haben wir die (gefühlt) alle gestrickt: Pinke Mützen mit Katzenohren, die zu einem solidarischen Symbol für Frauenrechtsproteste wurden (und immer noch sind). Wer’s nicht erinnert: die Katzenohren spielten auf „pussy“ an (als Antwort auf das widerliche „grab ’em by the pussy“ von youknowwho) und symbolisierten den Protest gegen Sexismus und Misogynie. Bilder vom
Als am Valentinstag 2018 an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida 17 Menschen erschossen wurde – 14 von ihnen waren jünger als 18 Jahre alt – riefen Schüler und Schülerinnen der 12. Klasse der High School in Folge zum March for our Lives auf, einem Protest gegen Waffengewalt, der dann am 24. März 2018 in Washington stattfand.
Heute stricke ich 
Das erste Modell wurde viel zu klein. Statt zu ribbeln habe ich es dann quadratisch gestrickt und überlege, oben einen Reissverschluß einzunähen. Eine kleine Tasche für was auch immer.
Trotzdem werde ich die zweite Variante jetzt fertig machen. Es fehlt nur noch ein Stück vom Umschlag. Daran kommt dann ein langes Band. Vielleicht mit einer Holzperle am Ende. Mal sehen, was ich finde.
Für das erste Paar –
Also ein drittes Paar. Vielleicht mit lila Ferse. Oder mit lila Spitze. Am Ende wurde es nur grün, weil ich zu bequem war zu entscheiden. Auch gut. Ich habe keine Ahnung, wieso das so schnell drei Paare wurden. Da muss geschenkte Zeit im Spiel gewesen sein. Ein paar dieser Stunden, die nur der Sommer hat.
Geschenkte Zeit sind auch die Tage mit dem Sohn. Immer noch wünsche ich ihm eine Wohnung in der Stadt und jetzt, wo das tatsächlich klappen könnte, merke ich, wie sehr ich es genieße, ihn immer noch um mich zu haben. Er macht sein Ding, ich mache meins. Ab und an machen wir auch was zusammen. Ich liebe es, wenn er mich im Büro anruft und fragt, ob wir zusammen essen. Er würde dann kochen. Ein echtes Geschenk – nicht nur geschenkte Zeit. Zu sehen, wie er hier Wochenende für Wochenende mit anpackt, Fenster abschleift, spachtelt und den Kitt erneuert, macht mich stolz.