Berliner Flohmärkte

Vor nicht allzu langer Zeit waren Flohmärkte mein Allerschönstes. Jedes Wochenende führte uns der Sonntagsspaziergang dorthin und nie kamen wir mit leeren Händen nach Hause. Ob Vasen von KPM, Porzellan von Melitta, Lucky Luke- oder Asterix-Hefte – irgendetwas fanden wir immer.

Dann halfen wir der Schwiegermutter vom Haus in eine Wohnung zu ziehen, um wenige Jahre später eben diese Wohnung aufzulösen. Anfänglich waren wir sorgsam, Alles sollte ein neues Zuhause bekommen. Und so gingen die riesigen Monstera Pflanzen an die Töchter eines Freundes, ein Teil des Porzellans ist jetzt in Freiburg, die andere Hälfte in Berlin bei einer Nachbarin. Ein anderes Design begeisterte die Tochter von Freunden in München. Der Schreibtisch des Schwiegervaters kam zu uns. Auch die vielen, kugeligen Weck-Gläser sind seither hier. Aus der Wolle in ihrer Schublade habe ich einen Pullover gestrickt. Die Hülle der Wärmflasche mit Blumen verziert, damit man die Mottenlöcher nicht mehr sieht.

Aber egal, wie viel wir verteilten – noch viel mehr blieb übrig. Kleidung, Möbel, Tisch- und Bettwäsche. Zwei Umzugskisten mit Fotos. Wochenende um Wochenende fuhren wir nach Münster, räumten und packten den Caddy voll, bis das irgendwann nicht mehr ging. Der Mietvertrag war gekündigt, niemand zeigte mehr Interesse an dem, was da noch war und kräftemäßig kamen wir an Grenzen. Wer jemals eine Wohnung aufgelöst hat, weiß, was ich meine. Sieht man sich anfangs jedes noch so kleine Ding an, geht es irgendwann nur noch um Effizienz. Behalten ja / nein.

Was am Ende noch übrig war, haben wir entsorgt. Steinguttöpfe, Blumenvasen, unendlich viele Bücher, Seidentücher. Es hätte ein prachtvoller Stand am Flohmarkt werden können. Wurde es aber nicht. Ich denke da nicht gerne dran zurück.

Seither gehen wir zwar immer noch regelmäßig auf Flohmärkte und sehen schöne Dinge, aber dann denke ich eigentlich immer „gab’s im Nachlaß der Schiegermutter, hast Du damals nicht genommen, brauchst Du heute auch nicht“ oder „irgendwann muss irgendjemand Deine Wohnung ausräumen, stell’s zurück“ …

Das Schild im Bild habe ich nicht gekauft. Dabei hätte ich es zu gerne in unser Treppenhaus gehängt (Menschen mit erwachsenen Kindern, die noch/wieder zu Hause wohnen, teilen vielleicht diesen Humor).

Für mich hat Berlin unverändert die allertollsten Flohmärkte. Am schönsten ist wohl der an der Trabrennbahn in Karlshorst. An jedem ersten Wochenende im Monat sind wir verläßlich dort. Weit auseinander liegende Stände, unglaubliche nette Händler*innen, faire Preise, lange Wege. Sandiger Boden, Blick auf die Pferde. Jedes Mal wieder sprechen wir mit den interessantesten Menschen, trinken Kaffee an einem der kleinen Wagen und – ja – gehen dann gelegentlich doch nicht mit leeren Händen nach Hause.

Kleine Dinge finden immer noch ihren Weg zu mir. (Betonung auf „kleine“ … manchmal passiert dann aber auch sowas wie der Hahn …)

Zuletzt habe ich in einer Bananenkiste eine Gürtelschnalle aus Messing entdeckt. Verhandeln und kaufen war eine Sache von Minuten. 10 Euro. ZEHN! Zu Hause hat der Mann den prachtvollen Schmetterling von dem (wirklich schäbigen) Gürtel abgetrennt, an den er angenäht war und ich habe ihn poliert. Ich hätte vorher-nachher Bilder machen sollen. Ist er nicht toll?!

Die Breite des Stegs auf der Rückseite passt zu meinen Gürteln; der Dorn ist dicker als bei modernen Schnallen, aber mit bißchen Druck geht auch das. Jetzt trage ich ihn und freue mich jeden Tag darüber.

Aber zurück zu den Flohmärkten. Immer wieder gerne gehen wir auch zum Flohmarkt am Schöneberger Rathaus. Alles enger und voller dort, aber auch dort interessante Menschen, bunte Stände und Vieles, das nach Dachboden (oder Wohnungsauflösung …) aussieht.

Der Sohn geht leider nicht so gerne auf Flohmärkte. Aber wenn, dann mit Freunden zum Mauerpark oder nach Friedrichshain: auf das RAW-Gelände oder an den Boxhagener Platz. Jüngeres Publikum, primär Klamotten, überall Musik. Dafür bin ich mittlerweile einen Hauch zu alt … Es ist mir zu voll und zu laut.

Die Weite der Rennbahn ist mir deutlich lieber. Die schönsten Schätze habe ich immer dort gefunden. Sowas wie den Schmetterling. Ein Lieblingsstück, das nun ein neues Leben bekommt. Gleichzeitig habe ich Ressourcen gespart und der Kreislauf in Bewegung gehalten – mag ich auch! Konsum, aber anders.

Bei mir muss nicht immer alles neu sein. Im Gegenteil! Wie siehst Du das?

 

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Ameisen im Haus

Es gibt nicht viele Tiere, zu denen ich ein so gespaltenes Verhältnis habe, wie zu Ameisen. Ich hasse es, wenn sie mir im Garten in die Gummistiefel krabbeln. Es tut weh, wenn sie beißen. Aber eigentlich mag ich sie. Vor allen Dingen die kleinen braunen Arbeiterinnen – das „Rückgrat“ des Ameisenstaates. Jägerinnen, Sammlerinnen, Wächterinnen. Sie bauen Nester, pflegen die Brut und verwöhnen die Königin.

Unermüdlich im Einsatz. Furchtlose Amazonen.

Die Männchen machen nichts davon. Weder pflegen, noch sammeln, noch bauen. Sie verteidigen nicht mal das Nest. Ihre einzige Aufgabe ist die Befruchtung der Königin. Wenn die Zeit gekommen ist, verlassen sie gemeinsam mit den jungen Königinnen das Nest zum Hochzeitsflug. Dann haben sie sogar Flügel.

Das konnte ich mir vergangene Woche ansehen. Nur leider nicht im Garten, sondern in unserem Haus. Dort hatten sich Ameisen – unbemerkt von uns – in einem Zimmer unter den Holzdielen ein Nest gebaut.

Die ersten fielen mir beim Staubsaugen auf. Wenige Tage danach waren es auffällig viele auf der Fensterbank. Wir liessen das Fenster offen und dachten, es würde schon werden. Schließlich gab es nichts zu essen in dem von ihnen gewählten Zimmer. Es wurde aber nicht besser. Im Gegenteil. Es wurde immer schlimmer.

In der Not haben wir doppelseitiges Klebeband entlang der Fußleisten geklebt, um zu sehen, von wo sie kommen. Denn Ameisenstrassen gab es nicht. Sie waren einfach überall.

Über Nacht war einer der Klebestreifen schwarz.

Daraufhin kam der Kammerjäger. Er hat einen Duft versprüht, den sie nicht mögen. Außen an der Hauswand, damit sie nicht mehr ins Haus kommen und innen, damit die, die da sind, gehen. Er meint, das würde 16 Wochen halten. Er meinte auch, dass wir das nicht riechen.

Vielleicht bin ich eine Ameise. Ich rieche es. Trotzdem werde ich nicht ausziehen. Aber ich wünsche mir, dass die Ameisen sich jetzt ein anderes Zuhause suchen.

Sollten sie dennoch bleiben, hat der Kammerjäger uns Gift dagelassen. Eine Spezialmischung mit Honig, aufgezogen in einer Spritze. Hoffentlich brauchen wir die nicht.

 

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Blätter und Blüten aus Wolle

Sag eine Anleitung hat Blüten, Blätter oder beides und ich bin dabei – meistens zumindest. Sonst hätte ich nicht so gekämpft, um nach sechs Versuchen endlich einen (passenden!) Birkin-Pullover zu haben.

Oder jahrelang kleine Blätter gestrickt, die ich in unseren Ferien überall in Frankreich verteilt habe. Nun sind wir eine Weile nicht mehr gereist oder ich habe zu schnell gestrickt. Das kann auch sein. Fakt ist, dass hier noch ziemlich viele Blätter in einer schönen Blechkiste lagen.

Der Zufall wollte es dann, dass beim taz lab ein Stand der Omas for Future war, von denen ich vorher tatsächlich nie gehört hatte. Sie machten Werbung für das Projekt ARTagainstEcocide: Häkelblumen, mit denen auf Artensterben und Umweltzerstörung aufmerksam gemacht werden soll. Mehr noch, die Initiator*innen fordern, dass Ökozid politisch anerkannt wird und dass Umweltverbrechen konsequent bestraft werden.

Seit Beginn des Projektes haben sie überall in Deutschland Blüten gehäkelt. Leider ohne (für mich sichtbar) in den sozialen Medien dafür zu werben. Vielleicht war ich aber auch nur in einer anderen Blase. Wer hier mitliest weiß, dass ich zurückkhaltend bin, wenn es darum geht, irgendetwas mit „Oma“ zu benennen … Seien es Oma-Hobbys oder Oma-Vereine.

Wie dem auch sei, über den Winter sind überall in Deutschland nicht nur mehr als 30.000 kleine Kunstwerke entstanden. Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Überzeugungen sind miteinander ins Gespräch gekommen. Sie haben zu Themen wie Klimaschutz, Verantwortung und Nachhaltigkeit diskutiert und sich vernetzt. Sowas gefällt mir ja!

In den Tagen nach taz lab dachte ich, wer Blüten mag, mag auch Blätter. Also habe ich idie Berliner Omas for Future per Mail angeschrieben, ob sie Interesse an meinen Blättern hätten. Und siehe da – sie hatten! 125 kleine Blätter machten sich auf den Weg.

Klar wollte ich dann auch sehen, ob meine Blätter nun zu einem Teil des Kunstprojektes geworden sind und so sind der Mann und ich vergangenen Sonntag ans Brandenburger Tor gefahren.

Dort sollten die Blüten in einer Art Blütenteppich ausgelegt werden.

Und das wurden sie!

Verbunden mit einer Tanz-Perfomance von weiß gekleideten Menschen (nicht so meins leider), viele mit Blumenkränzen um die Stirn (auch nicht meins), wurden unfassbar viele kleine Blütenteppiche aneinander gelegt. Die Idee, die Einzelteile im Anschluß zusammenzulegen und wieder mitzunehmen, fand ich genial! So verrottet nichts oder wird Müll. Jeder der kleinen Teppiche kann immer wieder verwendet werden.

Aber zurück zur Veranstaltung: Passanten blieben stehen, die meisten lachten und freuten sich. Sie bewunderten einzelne Blüten und das Projekt als Ganzes. Manche tanzten sogar mit. Es wurden unglaublich viele Bilder und Selfies gemacht. Das Wetter war toll und mit dem Brandenburger Tor und dem sprichwörtlichen Himmel über Berlin als Kulisse, war es ein rundes, schönes Event.

Das sahen leider nicht alle so … Zwischen vielen begeisterten Kommentaren unter dem Instagram Post des ZDF stand dann auch “ Warum sammeln sie nicht einfach Müll auf und schwupps ist die Welt etwas besser. Häkeln in der warmen Bude ist natürlich viel bequemer.“ Oder: „Wieviel Steuergelder sind in dieses ABSTRUSE Projekt wieder geflossen!!?? Die Omis sollen mal jeden Tag in den Görlitzer Park gehen und unseren Fachkräften den Dreck hinterher räumen!! Das wäre mal eine Win – Win Situation!!“ und „Warum berichtet das links-grün-woke und zwangsfinanzierte ZDF über solch einen Unsinn?

Keiner dieser Kommentare ist angemessen, keiner passt zu Thema oder Anlaß, keiner ist sachlich. Ich will denen auch gar nicht so viel Raum geben. Aber es hat mich geärgert. Ich werde nie verstehen, warum man andere nicht machen lassen kann. Aber offenbar ist das so.

Bei allem war es gar nicht so einfach, unter zwischenzeitlich 36.000 (!!) Blüten, meine kleinen Blätter zu finden. Umso glücklicher war ich über jedes einzelnen, wenn ich es entdeckt habe.

Zurück zu Hause, habe ich mich dann gleich wieder an Blätter aus Wolle gesetzt: wenn auch keine kleinen, sondern größere in der Passe einer täglich wachsenden Jacke. Die Wolle ist handgefärbt und heißt Feuermond. Finde ich super passend für den orangeroten Farbton, läßt sich nur leider überhaupt nicht fotografieren.

Die Anleitung ist zum dritten Mal Dahlia Barn. Nach zwei Kinderjacken stricke ich nun (nach der gleichen Anleitung) eine Jacke für mich. Dieses Mal allerdings mit dickerer Wolle (spart mir das Umrechnen) und verlängerten Raglanlinien. Und alles passt!

Bis hin zu den unfassbar schönen Knöpfen, die mir die Strickmamsell vor einiger Zeit geschenkt hat. Ich mag sie so sehr, dass ich sie – entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten – angenäht habe (die Knöpfe, nicht die Strickmamsell 😉), noch bevor die Jacke fertig ist.

Blüten und Blätter – genau mein Ding! Und das wird sich wohl auch nie ändern.

 

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taz lab 2026

Der Mann und ich kommen aus der gleichen Welt, wir sind ähnlich groß geworden, haben Vieles gemeinsam. Wahrscheinlich würde es sonst auch nicht schon so lange so gut gehen. Gleichzeitig haben wir so unterschiedliche Ansichten und Überzeugungen – da ist nichts mehr mit gleicher Welt. Da macht es nicht mal mehr Sinn von Welten zu reden. Das sind Galaxien!

Entsprechend selten passiert es, dass wir uns für die gleiche Veranstaltung interessieren. Umso mehr habe ich mich deshalb über das Programm des diesjährigen taz lab gefreut! Las es sich doch so, als ob wir da Beide Gefallen dran finden könnten!

Für alle, die eine Gedankenstütze brauchen: die taz ist eine überregionale Tageszeitung, in den 70ern gegründet in West-Berlin und mit linksalternativer Ausrichtung. Sie steht für kritischen, unabhängigen Journalismus, befasst sich intensiv mit Umwelt- und Sozialthemen und wird seit 1992 von einer Genossenschaft getragen.

Eben jene taz hat taz lab ins Leben gerufen: Eine Veranstaltung, die (seit 2009) einmal im Jahr stattfindet, mittlerweile einen eigenen Wikipedia Eintrag hat und als Kongress beworben wurde. Wobei es das – meiner Ansicht nach – nicht so gut trifft.

Unter dem Motto „Jetzt mal Tacheles – liebevoll & rabiat“ fanden am 25. April 2026, im und um das taz Haus herum, Podiumsdiskussionen, Workshops, Lesungen, Vorträge und Podcasts parallel auf 11 Bühnen statt. Jede Veranstaltung eine gute Dreiviertelstunde lang, manche länger. Fast alle ohne Anmeldung. Wie immer man das dann nennt. Festival? Convention?

Die meisten dieser Veranstaltungen, die ich erlebt habe, liefen unter dem Motto „eine taz-Redakteur*in im Gespräch mit …“. Super spannende Gäste und ebensolche Themen. Für mich UND für den Mann. Wir hätten uns klonen müssen, um jede*r für sich, aber auch beide zusammen all das sehen und hören zu können, was uns interessierte.

Damit waren wir übrigens nicht alleine. Es war phasenweise ziemlich voll, vielleicht auch bißchen chaotisch, aber alle waren – erwartungsgemäß – freundlich. Und grauhaarig. Auch das eher keine Überraschung. Trotzdem: die Jungen waren auch da. Das hat mich sehr gefreut!

Gleich zu Beginn habe ich mich mit anderen Teilnehmerinnen (tatsächlich kein Mann dabei) mitten auf die Wiese gesetzt, um am „Küchentisch“ kleine Quadrate zu häkeln, während die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg über Stricken im öffentlichen Raum gesprochen hat und warum Stricken politisch ist. Manches wußte ich, anderes nicht und während ich zuhörte, entstand ein rotes Granny Square (Farbe der taz) nach dem anderen.

Nach gut einer Stunde bin ich weitergezogen, um an einer anderen Bühne dem Soziologen Aladin El-Mafaalani und dem Comedian Aurel Mertz zuzuhören. Ihr Thema: „Verlorene Jungs?“. Hier ging es primär um das Angebot der Rechten an junge Männer (gruselig!) und das Buch „Alpha Boys“, das Aurel Mertz (den ich bisher tatsächlich nicht kannte) zum Thema geschrieben hat. Zu Aladin El-Mafaalani muss ich wahrscheinlich nichts sagen. So ein guter Typ! Aber auch Aurel Mertz hat mir gefallen. Beide zusammen mit der Moderatorin, Chefredakteurin Katrin Gottschalk (die dem Comedian ordentlich Paroli geboten hat) ein Fest! Das hat sehr viel Spaß gemacht!

„Solidarisch mit der Ukraine – was heißt das?“ und „Würdest Du dienen?“ waren Themen, die den Mann währenddessen mehr interessierten. Wobei ihn letztere Diskussion eher irritierte (sagt er): Der Politik-Influencer und die beiden Reservistinnen der Bundeswehr kamen offenbar aus so konträren Positionen, das nicht mal mehr Diskussion möglich war. Schade!

Aber zurück zum Programm: „Afghanistan – ein Land ohne Frauen“ haben wir gehört und „Macht KI unsere Leben zum Alptraum“ mit der so wunderbaren Judith Simon. Sie ist Professorin für Ethik in der Informationstechnologie und so klar in ihren Gedanken, dass ich wahrscheinlich nicht Geschichte (sondern ihr Fach) studiert hätte, hätte ich sie schon eher erlebt.

Irgendwann zwischen all diesen Veranstaltungen haben wir Pizza gegessen und diskutiert. Gut diskutiert!

„Was hilft gegen die AfD?“ hat uns auch beide interessiert (wen nicht?!). Sehr spannend der Ansatz von Aladin El-Mafaalani – dieses Mal auf der Dachterrasse des Verlagsgebäudes – die Krise der Demokratie durch „Misstrauensgemeinschaften“ zu erklären. Vor allen Dingen vor dem Hintergrund der anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Wer sich von Staat und Medien entfremdet, sucht Halt bei anderen Skeptikern. Man vertraut nur noch denen, die ebenfalls misstrauen. Dagegen helfen dann weder Antifaschismus noch Brandmauern.

Zu gerne hätte ich zum gleichen Thema auch die Aktivistin Rachel Hanf gehört. Sie hat den ersten CSD in Grevesmühlen federführend mitorganisiert, den CSD und den Frauenstreik in Wismar, Demos gegen rechts. Sie steht mittlerweile unter Polizeischutz. Sie ist jünger als mein Sohn.

Echt interessant war auch „Marilyn Monroe und der männliche Blick“ mit Jenni Zylka. Die Schauspielerin wurde in den 1950ern von den großen 20th Century Fox-Studios, der Werbung und den Medien gezielt als „blondes Sexsymbol“ vermarktet, weil sich dieses Image extrem gut verkaufte. Dabei war sie deutlich intelligenter und ehrgeiziger, als ihr öffentliches Rollenbild vermuten ließ: Sie las viel, interessierte sich für Literatur und Politik und gründete ihre eigene Produktionsfirma. Jenni Zylkas Buch zeigt Marilyn Monroe auf 100 Seiten nicht nur als Sexsymbol, sondern als kluge, kämpferische Frau im „starren System“ Hollywoods. Der Fokus liegt dabei auf Feminismus, Medienbild und ihren Filmrollen. Ich habe es im Anschluß gekauft (und signieren lassen – logisch).

Nachdenklich gemacht hat uns „Syrien, demokratische Hoffnung in Nahost“, aber auch die Diskussion zu Russland und anderen Staaten im Osten Europas unter dem Titel „Zwischen Krieg und Autoritarismus“. Ich bin zu keiner Veranstaltung gegangen, in der die USA, respektive der Orange Man Thema war (kann ich gerade nicht), aber umso lieber zu „Das Leben ist kein Safe Space“ mit dem Autor Hasnain Kazim.

Wir hätten so viel mehr Zeit gebraucht!

Den ganzen Tag und überall wo ich war, war auch ein Knäuel der von der taz zur Verfügung gestellten roten Wolle samt Häkelnadel dabei. Fünf Quadrate pro Veranstaltung und am Ende des Tages war eine ordentliche Anzahl an Granny Squares fertig und abgegeben. Sie sollen in eine Decke verwandelt werden, die dann bei der taz verbleibt. Idee einer Redakteurin, die (nicht nur) mich gefragt hat, ob wir in Kontakt bleiben wollen, um die noch fehlenden Quadrate zu ergänzen.

Klar will ich! Ich freue mich drauf. Mindestens so sehr, wie auf das nächste taz lab in 2027. Da gehen wir sicher wieder hin. Bis dahin sehen wir uns aber den einen oder anderen Beitrag, der uns entgangen ist, noch digital an.

Zusammen! Das ist das Beste von allem.

 

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Innerer Frieden

„Wenn es Deinen inneren Frieden kostet, ist es zu teuer“ – jeden Tag, wenn ich am Schreibtisch sitze, sehe ich den Zettel mit diesem Spruch. Theoretisch. Denn manchmal gucke ich nicht hin. Dann wiederum lese ich ihn, als hätte ich ihn vorher nie gesehen. Und oft genug denke ich „Du musst was ändern! Das wird zu teuer!“

Häufig geht es um die Verteilung von Aufgaben hier zu Hause. Mittlerweile kann ich wegsehen, wenn der Wäscheständer nach einer Woche immer noch den Flur blockiert. Bei einer unordentlichen Küche – in unserem Haus der Mittelpunkt der Wohnung – kann ich das nicht. Es stresst mich. Dann ist nichts mehr mit innerem Frieden.

Alle, die hier wohnen, wissen das. Wissen, dass es nur eine Frage von Zeit ist, bis ich entweder laut werde oder aufräume, was ich nicht verursacht habe.

Mittlerweile ist auch der Garten auf der Liste all dessen, was mich meinen inneren Frieden kostet. Giersch und Hopfen, Brombeeren und Löwenzahn. Ich fange an einem Ende an und am anderen wächst es wieder. Und sollte ich es doch unter Kontrolle bekommen, kommt vom Nachbargrundstück „Nachschub“. Same old. Habe ich schon so oft drüber geschrieben. Geändert hat sich nichts.

Im Gegenteil. Mit jedem Jahr, das ich älter werde, wird der Garten größer. Zumindest fühlt es sich so an.

Also habe ich vergangene Woche (mal wieder) abgewogen. Was ist teurer: der innere Frieden oder Profis im Garten? Und mit welchem „teuer“ kann ich besser umgehen? Wie es ausgegangen ist, könnt Ihr Euch denken.

Mitte Mai ist Termin. Sie werden einen Tag brauchen, haben sie gesagt. Einen Tag, um zu mähen, zu vertikutieren und zu düngen wo immer möglich. Und alle Flächen, die nur so „halb gut“ sind, bekommen neuen Rasen. Vorausgesetzt, ich habe bis dahin alles, was da wuchtert, entfernt.

Erstaunlicherweise motiviert mich das. Immer, wenn ich kann, bin ich draußen, grabe und ziehe. Vielleicht, weil ich das Gefühl habe, da packt jetzt (außer mir) jemand mit an und am Ende wird alles gut.

Wird es wohl nicht, aber es wird besser sein. Denn wenn alles getan ist, wenn neuer Rasen gewachsen ist, wird ein Mähroboter hier Dienst tun. Nie in der Nacht, damit Igeln nichts passiert. (Hier sind zwar keine, aber vielleicht ja doch). Nie unbeaufsichtigt und nur da, wo wirklich Rasen ist. Alles andere – die Tulpen, Vergißmeinnicht und Maiglöckchen – bleibt wild und schön, damit Schmetterlinge, Wildbienen und andere kleine Tiere hier unverändert glücklich sind.

Aber eben nicht nur die. Ich auch!

 

 

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