Früher

Früher konnte man in Berlin einfach so eine Wohnung mieten. Früher … das liest sich wie eine Geschichte von Großeltern, also lange her. Ist es aber nicht. Nur 15 Jahre, vielleicht 20.

Als ich nach Berlin kam, habe ich mir überall in der Stadt Wohnungen angesehen. Eine war dabei, der ich immer noch ab und an hinterher weine: 120 qm, 4 Zimmer, für 800 DM (DM!). Sie liegt keine 500m von der Wohnung entfernt, in der der Sohn bis Ende Januar ein WG-Zimmer hatte. 20 qm für 650 Euro.

Die Zeiten haben sich geändert.

Nun ist er also wieder zu Hause. Es ist ein bißchen wie früher – nur eben doch ganz anders.

Kinder, die einmal ausgezogen sind, wollen nicht zurück in ihr Kinderzimmer. Und Eltern, die natürlich immer Eltern bleiben, sind im Idealfall auch ziemlich gerne einfach nur ein Paar. Zumindest bei uns ist es so.

Einkauf und Wäsche, Aufgabenteilung, Abläufe – alles hatte in den vergangenen zwei Jahren einen Rhythmus. Den hat es jetzt nicht mehr. Das hat sein Gutes, zumal ich merke, wie schwer es mir fällt, Gewohnheiten zu ändern. Und doch ist es gelegentlich auch mühsam.

Finden wir alle.

Früher konnte ich ihm hinterherrufen „Setz eine Mütze auf“ – heute beiße ich mir auf die Zunge, um genau das nicht zu tun. „Stehst Du bitte auf“, „Wann bist Du zu Hause?“, „Essen wir zusammen?“ … geht alles nicht mehr. Will ich auch nicht, hält sich aber hartnäckig.

Und dann das nachsichtige Grinsen anderer – na? Hotel Mama? Auch das will ich nicht. Trotzdem räume ich Schuhe Größe 47 aus dem Flur, bevor ich drüber stolpere, wasche die Wäsche für drei und schlafe erst richtig, wenn ich weiß, dass er zu Hause ist.

Gestern Abend open gym, Basketball bis Mitternacht irgendwo in Neukölln. Heute früh die erste Klausur an der Uni. Hätte ich anders gemacht, sage ich aber nicht.

Stattdessen erinnere ich mich, wie es bei mir früher war. Eine Nacht nicht geschlafen? Egal. Frische Bettwäsche alle zwei Wochen? Pfffft … Rechtzeitig lernen? Ja, wollte ich ja, aber dann hat’s doch irgendwie nicht geklappt. Was immer ich tat oder nicht tat, war meine Entscheidung.

Nicht jede dieser Entscheidungen war vernünftig. Aus allen habe ich gelernt. Alleine. Meine Eltern waren 8 Bahnstunden entfernt.

Rückblickend gibt es da einiges, was mir heute hilft stillzuhalten und dem Sohn zu wünschen, dass er bald wieder ein Zimmer findet. Dass er wieder entscheiden kann, was wir wissen sollen und was vielleicht besser nicht.

Bis dahin mühen wir uns alle in unserer WG, die keine ist, weil wir eben doch Familie sind und keine Wohngemeinschaft.

Heute Abend kocht er, hat er gesagt. Nach der Klausur kauft er ein, was er dafür braucht. Mein wunderbares, großes Kind.

 

 

Corrugated heißt gewellt, gerippt, geriffelt oder gefaltet. Musste ich nachgucken. Corrugated hat ist der Name der schönen Mütze auf den Bildern, die ein Freund des Sohnes sich gewünscht hat.

Sie sei Zeitenspringerin schreibt Andrea heute in ihrem Blog. Ich bin es auch. Nur anders.

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2 Comments
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Mira
2 Stunden zuvor

Ach ja, die großen Kinder! Mein Sohn ist Anfang 40, aber in diesem Winter ist er überwiegend bei mir. Dass RoHen auch da ist, macht das Ganze doch irgendwie zur WG, auch wenn ich es nicht so sehen kann, weil wir eben doch Familie sind. Ist schon seltsam, das alles.
Ich wünsche dir ein gutes Dran-Gewöhnen und deinem Sohn bald eine eigene Wohnung oder wenigstens ein Zimmer.
Liebe Grüße
von Mira

Regula
1 Stunde zuvor

Taj, WG mit Kindern funktioniert in seltenen Fällen. Hoffentlich findet dein Sohn bald was. Liebe Grüsse von Regula