Oma Hobbys

Fällt außer mir jemandem auf, wie oft zur Zeit über „Oma Hobbys“ (gerne auch synonym verwendet mit „uncoole Hobbys“) geschrieben und berichtet wird?

Ich kann Euch gar nicht sagen, wie mich das anstrengt: unqualifizierte, oberflächliche und historisch unpräzise Aussagen zur Arbeit mit Wolle. Was da zwischen Ironie, Herablassung und vermeintlicher Trendanalyse schwankt, offenbart doch vor allem eines: ein erstaunlich stabiles Klischee.

Deshalb ein kleiner Ausflug in die Historie des Strickens und – wo ich schonmal dabei bin – auch eine Einordnung:

Während und nach dem zweiten Weltkrieg war Stricken nicht in erster Linie Idylle, sondern Notwendigkeit. Wer warm bleiben wollte ,strickte und stopfte. Kleidung war teuer, Material knapp – also entstand Wert durch Können, nicht durch Kaufkraft.

Mit dem Wirtschaftswunder kippte das. Plötzlich galt nicht mehr das Selbstgemachte als Wert, sondern das Gekaufte als Fortschritt. Handarbeit verlor ihren Status, weil Konsum ihn ersetzte. Was vorher Kompetenz war, wurde nun als Mangel an Modernität gelesen.

In den 1970er Jahren verschärfte sich die Abwertung: Handarbeit galt als Symbol der alten Geschlechterordnung – Kinder, Küche, Kirche. Kritisiert wurde also nicht die Tätigkeit an sich, sondern die damit verknüpfte soziale Rolle (was in Folge dann eben doch dazu führte, dass handwerkliche Fertigkeiten abgewertet wurden).

Spätestens in den 1990ern war die „strickende Oma“ zur popkulturellen Figur geschrumpft: nett, harmlos, etwas schrullig – und vor allem nicht ernst zu nehmen. Aus Erfahrung wurde Folklore, aus Können Nostalgie.

In den letzten Jahren ist Stricken plötzlich wieder angesagt – handmade statt Fast Fashion, slow living statt ständiger Beschleunigung. Ironischerweise wird nun also genau das wiederentdeckt, was so lange belächelt wurde: handwerkliches Wissen, Geduld, Nachhaltigkeit und Selbstbestimmung.

Nur gilt das leider nicht für alle.

Strickende Olympioniken? – Mein Instagram-Feed ist voll davon!

Strickende junge Frauen? – Total angesagt!

Strickende Männer egal welchen Alters? – Wie ungewöhnlich!

Strickende Frauen jenseits der 40? – Oma mit Hobby …

Da meint man doch, beim Stricken zählt nicht Können, sondern Alter und Geschlecht. Immer noch werden Frauen über ihr Alter, also über eine Zahl, definiert. Und wenn diese Zahl steigt, werden sie abgewertet.

Ich bin keine Oma mit Hobby! So wenig wie Stricken ein „Oma Hobby“ ist. Die Arbeit mit Wolle ist Handwerk, gelegentlich eine Protestform, oft Kunst! Egal, wer die Nadeln in der Hand hat! Ich würde sogar behaupten. wie bei den meisten Dingen nimmt die Erfahrung zu, je länger man dabei ist. Wer stricken kann, kann zaubern. Zeit, Wissen und Erfahrung verwandeln ein Fädchen in ein perfektes Einzelteil.

Sogar Socken.

Die Socken im Bild sind übrigens für’s Kind. Größe 47 und in den Farben des Lieblingsvereins. Goat hat er mich dafür genannt. Für alle, die in der Sportsprache nicht so bewandert sind: goat steht für greatest of all time und ich hab’s gerne genommen. Weil so viel Freude mitschwang, sowas wie „wow“ und Dank. Ganz anders als in „Oma Hobby“.

 

Verlinkt zum Samstagsplausch

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10 Comments
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Regula
8 Tage zuvor

Über solchen Mist, ärgere ich mich nicht mehr. Wen interessiert, was die Journalisten sagen? Gibt es noch Journalisten in den Massenmedien? Sind doch eh alles Influenzier, die erzählen, was gerade in ist. Ich brauche sie nicht, um. den Wert meiner Arbeit zu kennen.

Die Socken sind sehr schön. Blau-weiss macht einfach gute Laune.

Liebe Grüsse von Regula

Mira
8 Tage zuvor

Oh ja, stricken ist großartig. Socken stricken erst recht. Stricken lernte ich mit 8 Jahren. Der Schal war etwas unförmig. Aber er war erikafarben, heute würden wir sagen Pink. Und das war etwas besonderes. Keine Ahnung, woher Mutti dieses Garn hatte. Meinen ersten Pullover strickte ich mit 12 und trug ihn ca. bis ich 20 war. Das war ein RVO, von dem wir damals nicht wussten, dass er einst diesen Namen bekäme. Pullover wurden damals nämlich so gestrickt, immer. Es sei denn, man wollte Puffärmel haben, dann taugte Raglan natürlich nicht. Ach, ich könnte jetzt ewig übers Stricken, häkeln und… Weiterlesen »

pia
8 Tage zuvor

yes goat, Unermüdliche, legst den Finger in die Wunde. Ich feiere dich dafür: you re the best!! Hugs vom Hesseland. Pia

Andrea
8 Tage zuvor

Wir haben gerade uralte Dias aus den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts digitalisiert. Meine Mutter, damals Ende Zwanzig / Anfang Dreissig, ist immer mit Strickzeug in der Hand auf den Bildern zu sehen, wir drei Schwestern immer in die schicken Endprodukte der Arbeit gewandet. Die „Wolle“ war von „Drei Pagen“, selten vom Schaf, sondern in den meisten Fällen Acrylgarn in oft absonderlichen Farben. Mir ist jetzt erst wieder bewusst geworden, dass wir in unserer Kindheit nie gekaufte Kleidungsstücke trugen. Stricken war genausowenig wie Nähen mitnichten ein „Oma-Hobby“, sondern einfach eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

nina wippsteerts
7 Tage zuvor

Und das wurde sogar beim dlf so gefragt? Wie peinlich!
Ja, seit es nicht mehr zwingend notwendig ist, erlebt Stricken auf und abs in seiner Popularität, aber es deswegen Oma Hobby zu nennen? (Habe kein Insta und so, kann es also nicht verfolgen)
Deine Socken sind die Besten, genau wie der Enkel Dich genannt hat! ☺️
Liebe Grüße
Nina

naehom-moni
7 Tage zuvor

Ich habe den Begriff Omas Hobby noch nie gehört, bei mir stricken in der Ecke, ist das Stricken und häkeln aber auch wieder In. Deine blau weißen Strümpfe gefallen mir sehr. Ich kann leider wegen meiner Augen nicht mehr stricken oder häkeln. Ich habe früher sehr gern gestrickt, auch Strümpfe. Mein Hobby ist und bleibt als Oma das Nähen *lach* es grüßt dich ganz lieb, die Nähoma moni

Andrea Karminrot
3 Tage zuvor

Irgendwo habe ich sogar mal gelesen, dass Stricken den Männern vorbehalten war. In Schottland haben die Krieger ihre eigenen Socken gestrickt. Ich bin noch lange keine Oma, wenn ich mit Nadel und Faden zaubern kann. Ich mag diese Vorurteile so gar nicht. …
Liebe Grüße
Andrea