Der Mann und ich kommen aus der gleichen Welt, wir sind ähnlich groß geworden, haben Vieles gemeinsam. Wahrscheinlich würde es sonst auch nicht schon so lange so gut gehen. Gleichzeitig haben wir so unterschiedliche Ansichten und Überzeugungen – da ist nichts mehr mit gleicher Welt. Da macht es nicht mal mehr Sinn von Welten zu reden. Das sind Galaxien!
Entsprechend selten passiert es, dass wir uns für die gleiche Veranstaltung interessieren. Umso mehr habe ich mich deshalb über das Programm des diesjährigen taz lab gefreut! Las es sich doch so, als ob wir da Beide Gefallen dran finden könnten!
Für alle, die eine Gedankenstütze brauchen: die taz ist eine überregionale Tageszeitung, in den 70ern gegründet in West-Berlin und mit linksalternativer Ausrichtung. Sie steht für kritischen, unabhängigen Journalismus, befasst sich intensiv mit Umwelt- und Sozialthemen und wird seit 1992 von einer Genossenschaft getragen.
Eben jene taz hat taz lab ins Leben gerufen: Eine Veranstaltung, die (seit 2009) einmal im Jahr stattfindet, mittlerweile einen eigenen Wikipedia Eintrag hat und als Kongress beworben wurde. Wobei es das – meiner Ansicht nach – nicht so gut trifft.
Unter dem Motto „Jetzt mal Tacheles – liebevoll & rabiat“ fanden am 25. April 2026, im und um das taz Haus herum, Podiumsdiskussionen, Workshops, Lesungen, Vorträge und Podcasts parallel auf 11 Bühnen statt. Jede Veranstaltung eine gute Dreiviertelstunde lang, manche länger. Fast alle ohne Anmeldung. Wie immer man das dann nennt. Festival? Convention?
Die meisten dieser Veranstaltungen, die ich erlebt habe, liefen unter dem Motto „eine taz-Redakteur*in im Gespräch mit …“. Super spannende Gäste und ebensolche Themen. Für mich UND für den Mann. Wir hätten uns klonen müssen, um jede*r für sich, aber auch beide zusammen all das sehen und hören zu können, was uns interessierte.
Damit waren wir übrigens nicht alleine. Es war phasenweise ziemlich voll, vielleicht auch bißchen chaotisch, aber alle waren – erwartungsgemäß – freundlich. Und grauhaarig. Auch das eher keine Überraschung. Trotzdem: die Jungen waren auch da. Das hat mich sehr gefreut!
Gleich zu Beginn habe ich mich mit anderen Teilnehmerinnen (tatsächlich kein Mann dabei) mitten auf die Wiese gesetzt, um am „Küchentisch“ kleine Quadrate zu häkeln, während die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg über Stricken im öffentlichen Raum gesprochen hat und warum Stricken politisch ist. Manches wußte ich, anderes nicht und während ich zuhörte, entstand ein rotes Granny Square (Farbe der taz) nach dem anderen.
Nach gut einer Stunde bin ich weitergezogen, um an einer anderen Bühne dem Soziologen Aladin El-Mafaalani und dem Comedian Aurel Mertz zuzuhören. Ihr Thema: „Verlorene Jungs?“. Hier ging es primär um das Angebot der Rechten an junge Männer (gruselig!) und das Buch „Alpha Boys“, das Aurel Mertz (den ich bisher tatsächlich nicht kannte) zum Thema geschrieben hat. Zu Aladin El-Mafaalani muss ich wahrscheinlich nichts sagen. So ein guter Typ! Aber auch Aurel Mertz hat mir gefallen. Beide zusammen mit der Moderatorin, Chefredakteurin Katrin Gottschalk (die dem Comedian ordentlich Paroli geboten hat) ein Fest! Das hat sehr viel Spaß gemacht!
„Solidarisch mit der Ukraine – was heißt das?“ und „Würdest Du dienen?“ waren Themen, die den Mann währenddessen mehr interessierten. Wobei ihn letztere Diskussion eher irritierte (sagt er): Der Politik-Influencer und die beiden Reservistinnen der Bundeswehr kamen offenbar aus so konträren Positionen, das nicht mal mehr Diskussion möglich war. Schade!
Aber zurück zum Programm: „Afghanistan – ein Land ohne Frauen“ haben wir gehört und „Macht KI unsere Leben zum Alptraum“ mit der so wunderbaren Judith Simon. Sie ist Professorin für Ethik in der Informationstechnologie und so klar in ihren Gedanken, dass ich wahrscheinlich nicht Geschichte (sondern ihr Fach) studiert hätte, hätte ich sie schon eher erlebt.
Irgendwann zwischen all diesen Veranstaltungen haben wir Pizza gegessen und diskutiert. Gut diskutiert!
„Was hilft gegen die AfD?“ hat uns auch beide interessiert (wen nicht?!). Sehr spannend der Ansatz von Aladin El-Mafaalani – dieses Mal auf der Dachterrasse des Verlagsgebäudes – die Krise der Demokratie durch „Misstrauensgemeinschaften“ zu erklären. Vor allen Dingen vor dem Hintergrund der anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Wer sich von Staat und Medien entfremdet, sucht Halt bei anderen Skeptikern. Man vertraut nur noch denen, die ebenfalls misstrauen. Dagegen helfen dann weder Antifaschismus noch Brandmauern.
Zu gerne hätte ich zum gleichen Thema auch die Aktivistin Rachel Hanf gehört. Sie hat den ersten CSD in Grevesmühlen federführend mitorganisiert, den CSD und den Frauenstreik in Wismar, Demos gegen rechts. Sie steht mittlerweile unter Polizeischutz. Sie ist jünger als mein Sohn.
Echt interessant war auch „Marilyn Monroe und der männliche Blick“ mit Jenni Zylka. Die Schauspielerin wurde in den 1950ern von den großen 20th Century Fox-Studios, der Werbung und den Medien gezielt als „blondes Sexsymbol“ vermarktet, weil sich dieses Image extrem gut verkaufte. Dabei war sie deutlich intelligenter und ehrgeiziger, als ihr öffentliches Rollenbild vermuten ließ: Sie las viel, interessierte sich für Literatur und Politik und gründete ihre eigene Produktionsfirma. Jenni Zylkas Buch zeigt Marilyn Monroe auf 100 Seiten nicht nur als Sexsymbol, sondern als kluge, kämpferische Frau im „starren System“ Hollywoods. Der Fokus liegt dabei auf Feminismus, Medienbild und ihren Filmrollen. Ich habe es im Anschluß gekauft (und signieren lassen – logisch).
Nachdenklich gemacht hat uns „Syrien, demokratische Hoffnung in Nahost“, aber auch die Diskussion zu Russland und anderen Staaten im Osten Europas unter dem Titel „Zwischen Krieg und Autoritarismus“. Ich bin zu keiner Veranstaltung gegangen, in der die USA, respektive der Orange Man Thema war (kann ich gerade nicht), aber umso lieber zu „Das Leben ist kein Safe Space“ mit dem Autor Hasnain Kazim.
Wir hätten so viel mehr Zeit gebraucht!
Den ganzen Tag und überall wo ich war, war auch ein Knäuel der von der taz zur Verfügung gestellten roten Wolle samt Häkelnadel dabei. Fünf Quadrate pro Veranstaltung und am Ende des Tages war eine ordentliche Anzahl an Granny Squares fertig und abgegeben. Sie sollen in eine Decke verwandelt werden, die dann bei der taz verbleibt. Idee einer Redakteurin, die (nicht nur) mich gefragt hat, ob wir in Kontakt bleiben wollen, um die noch fehlenden Quadrate zu ergänzen.
Klar will ich! Ich freue mich drauf. Mindestens so sehr, wie auf das nächste taz lab in 2027. Da gehen wir sicher wieder hin. Bis dahin sehen wir uns aber den einen oder anderen Beitrag, der uns entgangen ist, noch digital an.
Zusammen! Das ist das Beste von allem.
Verlinkt zum Samstagsplausch

Liebe Carina, toller Bericht – Inspiration zum Denken und Reden! Was macht Stricken aus deiner und aus Sicht der Netzaktivistin politisch? Was können wir als Gesellschaft tun, damit junge Männer nicht nach rechts abrutschen? Wohin ist das weibliche Selbstwertgefühl, dass sich immer mehr junge Frauen Schlauchbootlippen boostern lassen? Warum hast du dich von den USA abgewendet? Schönen Sonntag 🙂
Pia
Du fehlst mir 🩷
Du mir auch. Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, dass ich soviel arbeite. :-/
In NRW sind in naher Zukunft Wahlen und natürlich wird das Muttertagswochenende genutzt, um erstmals darauf und sich aufmerksam zu machen. Schon schräg, wenn da die Blaue*n und Violetten nebeneinander aufgebaut haben.
Es gibt ein so schönes Foto von MM aus der Zeit, als sie mit A. Miller verheiratet war.
Sehr interessant Dein Bericht
Liebe Grüße und schönen Sonntag
Nina
Das wunderbare Bild, das kennen wir wohl alle!
Die gruseligen Blauen leider auch … Mögen sie Euch erspart bleiben!!
Liebe Grüße
Carina.
Ob diese Häkeldecke jemals fertig wird?
Gemeinsam und doch getrennt zu solchen Veranstaltungen, finde ich prima. Würde mich freuen, wenn der Kerl sich dazu mal bequemen würde. Oder vielleicht bin ich es ja auch, der so bequem ist?
Lieben Gruß
Andrea