Familie

Familie kann man sich nicht aussuchen heißt es und ich möchte ergänzen, nicht alle, die Familie sind, sind auch Familie. Und wo die Gedanken schon mal im Kopf waren, habe ich ein bisschen dazu recherchiert, um zu lernen, dass Familie ursprünglich gar nicht eine biologische Verwandtschaftsgruppe meinte. Familie waren eher die Menschen, die zu einem gemeinsamen Haushalt gehörten.

Jede WG wäre demnach Familie. Ein Gedanke, der mir gefällt. Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich von meiner Familie erzählen.

Mein Vater hatte fünf Geschwister. Bis auf eine Tante waren alle verheiratet. Vier von ihnen (keine/r von ihnen lebt mehr) hatten Kinder. Zusammen waren wir siebzehn Cousinen und Cousins. Die älteste 10 Jahre älter als ich, die jüngste 7 Jahre jünger. Da meint man doch, meine Geschwister und ich wären in einer Art Rudel groß geworden. Stimmt aber nicht.

Wir sahen sie eigentlich nie.

Drei der Cousins kenne ich mittlerweile ein bißchen besser. Oder sehe sie wenigstens ab und an. Einmal im Jahr? Nicht, weil ich mit ihnen groß geworden bin, sondern weil wir uns viel später und eher zufällig gefunden haben. Alle anderen sehe ich, wenn überhaupt, dann zu Familientagen, bei denen die Großfamilie zusammenkommt. Erst seit ein paar Jahren versuche ich, das zu ändern. Schicke ihnen Mails oder Nachrichten, eine Frage, eine Information. Es braucht viel Geduld.

Im vergangenen Frühjahr ist eine der Cousinen gestorben. Sie lebte in Berlin. Auf dem Bild, das mir eine ihrer Schwestern geschickt hat, sitzt sie in ihrer Küche und strickt.

Nun fand die Trauerfeier statt, die zwei ihrer Schwestern für sie ausgerichtet haben und für uns (den Mann und mich) war klar, dass wir hinfahren würden. Außer uns drei weitere Cousins. Und eine kleine Zahl anderer Verwandter. Zusammen waren wir zwölf.

Erlebt habe ich herzliche, umarmende, dankbare, emotionale Cousinen, von denen jede ein bisschen so aussieht wie meine Geschwister oder ich (verrückt!). Cousinen, die fremd sind und doch vertraut. Die die gleiche Familie haben, die gleichen Großeltern, ähnliche Erinnerungen.

Denen, die uns eingeladen hatten, habe ich Bakers‘ Twine Topflappen mitgebracht. Nicht wissend, wie das ankommen würde, wollte ich erst vor Ort entscheiden, ob ich das wirklich mache, oder mein Gestrick einfach wieder mit nach Hause nehme.

Das Bild der in ihrer Küche strickenden Cousine hatte mich darauf gebracht. Am Ende waren die Beschenkten – juchhu! – ebenso erfreut wie überrascht. Zumindest war das mein Eindruck. Also blieben die Topflappen alle dort. Jedes Paar in „Küchenfarbe“. Intuitiv. Gib es sowas?

Es wird dauern, bis ich das Erlebte verarbeitet habe und bei allem wünschte ich, der Anlass wäre ein anderer gewesen. Warum haben wir uns nicht schon viel früher  – alle 17 zusammen – getroffen?

Noch sind wir sechzehn. Ob wir Familie werden, weiß ich nicht. Ich würde es gerne, so lange ich sie noch habe. Ich wüsste gerne, wer sie sind.

Heute ist wieder eine Beerdigung. Die kleine Schwester einer meiner Freundinnen ist gestorben. Ich erlebe und höre die tiefe Trauer der Freundin und kann doch nicht helfen. Nur da sein. Ob sie Cousinen und Cousins hat, die sie halten? Ich weiß es nicht.

So gut, dass draußen Sommer und Sonne ist.

 

Verlinkt zum Samstagsplausch

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6 Comments
Regula
7 Tage vor

An der Beerdigung meines Vaters waren von hüben und drüben viele Cousins und Cousinen dabei. Im Juni hatten wir ein Cousinentreffen von Mutters Seite, am übernächsten WE ein Treffen von Vaters Seite, damit das nächste Treffen nicht wieder eine Beerdigung ist. Ich finde nicht, dass wir uns gleichen und doch gibt es das eine oder andere Merkmal, das bei einigen durchschlägt. Je älter ich werde, ums mehr gleiche ich meiner Tante.

Mir gefallen vor allem die Henkel der Lappen.

Liebe Grüsse von Regula

nina wippsteerts
7 Tage vor

Als wir Kinder waren, waren wir Cousin und Cousinen ganz dicke, sahen uns oft. Dann irgendwann kam das Leben dazwischen und irgendwann simpel räumliche Entfernung und vor allem eigene Familien. Nun sehen wir uns sehr sehr selten und wohl eher auch auf Beerdigungen. Bei meinen Eltern war diese räumliche Entfernung kaum da, da hat man sich häufiger gesehen. Das ist alles im Fluss und ich bin froh, über das, was geht.
Ein schönes Wochenende und liebe Grüße
Nina

Karin Be
6 Tage vor

Von meiner Familie bin ich inzwischen die Älteste, mein Bruder jenseits des kleinen Teichs in UK und von Cousinen und Cousins leben nicht mehr alle. Meine Kinder, Nichten und Neffen sind in alle Winde verstreut. Wir hören wenig bis gar nichts voneinander, sehen uns seit dem Tod meines Vaters nun gar nicht mehr – mit Ausnahmen. Es ist schade, doch ich tröste mich mit FreundInnen, die mir auch ohne Familienbande in vielen Bereichen nahe stehen. Topflappen, oder Spültücher gab es von mir in der neuen Sohnemannfamilie vergangenes Weihnachten. Keines der Tücher kam zurück! 😊 Schönen Sonntagabend und viele liebe Grüße… Weiterlesen »