RBG

Manchmal weiß ich schon montags, worüber ich am kommenden Wochenende schreiben möchte. Manchmal sitze ich sonntags vor dem leeren Bildschirm ohne Plan oder Idee. Und manchmal ist alles anders.

So, wie dieses Wochenende.

Ruth Bader Ginsburg ist gestorben und das geht mir nicht aus dem Kopf. Es beschäftigt und blockiert mich das zu schreiben, was ich sonst hätte schreiben wollen. Weil ich Amerikanistik studiert habe, weil ich beruflich viel mit Amerika zu tun habe und – das ist wohl das Entscheidende – weil ich RBG sehr bewundert habe.

Ihre eiserne Disziplin, ihr scharfer Verstand und ihre äußerliche Gelassenheit haben mich mindestens genauso beeindruckt, wie das, was sie erreicht hat. Sie war Ikone des feministischen und liberalen Amerikas, Rechtsprofessorin und Popstar, Richterin am Supreme Court, eine unglaubliche Frau. Sie nannte Trump einen Schwindler.

Notorious RBG wurde sie genannt und das soll ihr gefallen haben. Notorious heißt berühmt-berüchtigt. Auf Bildern setzte man ihr die Krone von Notorious B.I.G. auf (die übrigens gerade in einer Auktion für 600.000 US$ verkauft wurde, aber das gehört hier eigentlich nicht hin).

Ich möchte heute nicht über Wolle schreiben.

Wenn, dann nur über den Dissent Cowl von Carissa Browning. Es gibt eine Strick- und eine Häkelanleitung für diesen Kragen, der in Anlehung an RBG’s berühmtesten Kragen, den Dissent Collar, designed ist. (Wer es nicht weiß: RBG hatte zahlreiche Kragen, die sie zur Richterrobe trug. Sie waren eines ihrer Markenzeichen).

Gestern hat Carissa Browning auf Instagram angekündigt, dass der Erlös aus dem Verkauf beider Anleitungen ab sofort und bis zum Wahltag am 3. November 2020 zu 100% der ACLU, der American Cicil Liberties Union, die sich für Bürgerrechte einsetzt (z.B. Abtreibung, Meinungsfreiheit, Abschaffung der Todesstrafe, die Rechte von Homosexuellen usw.) zugute kommen soll.

Heute morgen hat sie überwältigt geschrieben, dass in weniger als 24 Stunden über 10.000 Dollar zusammen gekommen sind.

Ich habe meinen Dissent Cowl gestern Abend begonnen. In nachtblau und mint. Aus Regia Premium Alpaca Soft.

 

Verdammt, ja, ich bin traurig. Noch 44 Tage bis zur Wahl.

 

Mein Beitrag zu Andreas Samstagsplausch. Wieder mal erst am Sonntag.

Hochzeit in Binz

Das Standesamt in Binz auf Rügen hat eine Außenstelle direkt am Strand. Dort waren wir am vergangenen Freitag zu der standesamtlichen Trauung eines mit uns befreundeten Paares eingeladen. So schön, so unkonventionell, so besonders, dass mein Kopf – obwohl wir längst wieder in Berlin sind – gefühlt immer noch dort ist.

Der Müther-Turm wurde 1982 als Rettungsturm gebaut, ist ein Unikat und steht heute unter Denkmalschutz. Während draußen Badegäste vorbeizogen, Kinder im Sand spielten, Strandhasen herumliefen und Möwen auf Beute hofften, gaben sich drinnen zwei Menschen das Ja-Wort, die seit fast drei Jahrzehnten ein Paar sind.

So entspannt, so glücklich und so eins, dass man es auf jedem einzelnen Bild sieht, dass ich von den Beiden (und für die Beiden) gemacht habe.

Nach der Trauung gab’s für die 11-köpfige Hochzeitsgesellschaft die allerbesten Fischbrötchen und später für das Brautpaar Geschenke. Auf der Hochzeitstorte, die keine war, stand Shawn das Schaf, wir saßen in Strandkörben und das Wetter war so perfekt, wie es schöner nicht hätte sein können.

Die Braut trug weder weißes Kleid noch Schleier. Stattdessen ein großes, kobaltblaues Tuch, das ganz wunderbar im Wind flatterte. Der Bräutigam war (bald) ohne Jacke, dafür mit sonnengelbem Brautstrauß, einige der Gäste waren barfuß im Sand. Alle waren ein bißchen Hippies und anstelle von Blumen streuenden Kindern pusteten gestandene Herren Seifenblasen, dass es eine Freude war.

Das glückliche Paar, die grauen Haare der Gäste, das wehende blaue Tuch, der Himmel, das Meer, die vielen Seifenblasen – es war unglaublich, all das zu fotografieren. Unbeteiligte Strandspaziergänger blieben stehen, lachten und taten es mir nach. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Sollte ich meine Highlights in 2020 benennen, dieser Moment wäre unbedingt dabei. So viel Glück, so viel Leichtigkeit, so viel Freude. Was für ein Fest!

Später haben wir (der Mann und ich) sogar einen Wollladen entdeckt – Buttjers un Deerns. Ich glaube, ich habe jedes Knäuel in der Hand gehabt und mich gerne mit der sehr fröhlichen Inhaberin unterhalten, um dann aber  letztlich doch nichts zu kaufen. Erst war ich (zu) unentschlossen, dann fehlte die Zeit, um nochmal dorthin zurückzugehen. Deshalb kein Souvenir-Garn. Schade! Dieser Tag am Strand wäre es unbedingt wert gewesen, „verstrickt“ zu werden.

Ein Bobbel aus Mohair (und Seide?) in einer Regenbogen-Färbung hatte es mir angetan – wenn der Zufall es will, finde ich ihn sicher irgendwann wieder.

Gestrickt habe ich tatsächlich fast gar nicht. Und in den wenigen Reihen, die ich geschafft habe, habe ich prompt gepfuscht. Ich werde es nicht korrigieren. Egal, was der innere Monk sagt. Weil es fast unsichtbar ist und weil es eine Erinnerung ist, an diese Hochzeit. Nicht, weil ich gepfuscht habe, sondern weil jetzt zwei Zöpfe so nett nebeneinander sitzen, dass sie mich unweigerlich an das Brautpaar denken lassen.

Ach, es war schön. Richtig schön! Einem Samstagsplausch würdig 😉

Kaschmirjacken

Meistens lasse ich den Bon als Lesezeichen im Buch. Das habe ich immer schon so gemacht. Wobei ich mir heute deutlich weniger Bücher kaufe, als früher.

Früher, also vor 20 Jahren, habe ich offensichtlich auch John Irving gelesen. Der Bon im Buch ist aus November 1999. (Fun Fakt: damals zahlte man noch in D-Mark). Ich kann mich kaum an die Handlung erinnern, aber ich weiß, dass irgendwo, ziemlich am Anfang, beschrieben wird, wie eine Frau am Hafen auf die Ankunft eines Schiffes wartet. Und weil es kühl ist, trägt sie eine puderrosa Strickjacke aus Kaschmir.

Dieses Bild hat mich nie losgelassen. Und genau so lange möchte ich eine solche Strickjacke haben.

Ein paar Jahre später habe ich mir dann eine schwarze Kaschmir-Strickjacke gekauft, die umgehend zur Lieblingsjacke wurde. Ich habe sie gefühlt täglich getragen. Als die Ellenbogen durch waren habe ich schwarze Flicken gestrickt und aufgenäht. Aber dann wurde sie Opfer der Motten.

Nun gibt man (ich!) Lieblingjacken nicht gerne her, also habe ich jedes einzelne Loch geflickt und die Jacke weiter getragen. Zuletzt diesen Frühling. Und als es zu warm für Kaschmir wurde, blieb sie im Flur auf ihrem Bügel …

Das war ein Fehler. Denn die Motten kamen zurück.

20 neue Löcher in den Ärmeln, weitere 10 am Körper. Ob ich das noch mal flicke? Ich weiß es nicht.

Der Zufall (ja, klar, Zufall, was sonst?) wollte es, dass hier drei Knäuel der neuen Regia Premium Cashmere lagen und drei Knäuel Schachenmayr Alpaca Cloud. Beide zusammen sind super weich, lassen sich mit 3,5er Nadeln aufs Schönste verstricken und genau das mache ich jetzt.

Es ist ein Teststrick, aber irgendwie auch nicht. Soll heißen, es ist kompliziert. Aussagekräftigere Bilder kommen deshalb erst, wenn ich weiß, dass das alles so klappt, wie ich es mir vorstelle (und wenn ich Freigabe habe, Bilder zu zeigen).

Also zeige ich heute statt dessen den hübschen kleinen Käfer, von dem Andrea sofort wußte, dass es ein goldener Rosenkäfer ist. Er saß heute morgen auf meiner Veranda. Unglaublich, was die Natur kann, oder? Gold!

Absolutes Highlight war dennoch nicht der Käfer, sondern Angela, die unter @rixdings auf Instagram schreibt. Sie hat den Sommer über kleine Interviews mit wollbegeisterten Frauen geführt und unter dem Titel #BalkonienGeflüster veröffentlicht. (Die findest Du alle über ihren Instagram Account).

Vor wenigen Tagen hat sie mich (zusammen mit Magda und Andrea) in meinem Garten besucht – „ein Gartenidyll im Berliner Süden“ nennt sie ihn 😍 – und mir Fragen gestellt, mit denen ich sicher hätte rechnen können (schließlich habe ich jede einzelne Folge des Geflüsters gelesen), aber nicht gerechnet habe. Merkwürdig, die eigenen Hände nun in einem anderen Account zu sehen. So merkwürdig, wie das zu lesen, was ich gesagt habe.

Alles neu, alles spannend, alles gut.

Ein Tag wie Sommerferien

Sommer in Berlin ist wunderbar: viel Grün, wenig Menschen und ein unfassbar blauer Himmel. Und doch fahren wir jedes Jahr genau dann weg. Irgendwie absurd dachten wir letztes Jahr und dass es allerhöchste Zeit sei, das zu ändern. Wir würden einfach hier bleiben. Ferien zu Hause. All das genießen, wofür wir das ganze Jahr arbeiten.

Irgendwie Fügung, oder?

 

Aber (fast) so war es dann. Der Mann kam (wie jeden Sommer, zwischen zwei Projekten) Anfang Juli zurück nach Berlin, schlief morgens aus, übernahm die Küche (juchhu!) und erholte sich. Der Teenager fuhr erst auf Einladung eines Freundes nach Frankreich und dann auf Einladung einer Freundin nach Norddeutschland. Beides war offensichtlich weniger erholsam, weil wenig Schlaf, aber der Sohn war glücklich und mehr kann man von Ferien nicht erwarten.

Ich ging weiter ins Büro, machte aber ansonsten weniger. Also weniger Haus, weniger Garten, um dafür häufiger einfach mal sitzen zu bleiben und nichts zu tun. Schöne, lange, ruhige Tage – auch wenn der Kopf nicht zur Ruhe kam. Der wollte Tapetenwechsel hat Andrea mir erklärt.

Und so kam es, dass meine Sommerferien gestern waren.

Am Nachmittag, als es nicht mehr wie aus Eimern goß, sind wir kurzentschlossen ins Auto gestiegen und an einen der vielen Seen im Berliner Umland gefahren. Schon der Weg dorthin war toll. Weite Felder rechts und links der Strasse, auf denen der Nebel stand. Am See angekommen, haben wir dann zugesehen, wie die Sonne rot-orange ins Wasser fiel. Später, als die Schwäne schlafen gegangen geschwommen sind, sind wir zurück in die Stadt gefahren.

Gar nichts Dolles eigentlich, aber so wunderbar.

Bei allem habe ich nicht viel gestrickt. Kleine, weiche Maschenproben aus rosa Regia Premium Cashmere und Alpaca Cloud als Beilauffaden. Mag sein, dass sie eine Jacke werden.

Und wenige Zentimeter am Summer Love Wrap. Keine Ahnung, ob der jemals fertig wird (140 cm fehlen noch …), aber wenn, wird er wunderschön.

Alles friedlich gerade in meiner Welt – darf es das, bei Allem, was in der realen Welt los ist?

 

 

Der Restepullover

Zwei Instagrammerinnen – Fuchsa Kaul und Sarah von Ein Koffer voll Wolle – haben auf Instagram die #MehrAlsWolleChallenge initiiert. Wer immer möchte, ist aufgefordert sich zu beteiligen und in kurzen Posts Stellung zu den verschiedensten Themen zu beziehen. Dazu Bilder von Wolligem. Begleitet wird (fast) jeder Tag durch jeweils ein ausführlicheres Statement einer Gastautorin.

Gestern war Tag 1, gefragt war nach #Empowerment.

Das wußte ich seit dem 30. Juli. Genauso lange habe ich auch darüber nachgedacht, aber bis Mitternacht kam nichts von dem, was ich dachte und sagen wollte, aus mir raus, geschweige denn, aufs Papier über die Tastatur in meinen Feed. Ein verknotetes Knäuel ist nichts dagegen. Stunden habe ich gebraucht, um das Anfangsfädchen einen Anfang zu finden, aber dann ging es fix.

Ich dachte, damit wäre der schwierigste Teil erledigt. Ein bißchen wie bei der Ketchupflasche. Wenn man oft genug auf den Flaschenhals geklopft hat und der Ketchup sich aus der Flasche traut (meistens zu viel davon), läuft es.

Aber so ist es nicht. Heute soll / will ich über #Privilegien schreiben und mir scheint, als wäre das noch komplizierter.

©fuchsa_kaul & ein_koffer_voll_wolle

Was ich eigentlich sagen will: hüpft doch mal rüber zu Instagram, guckt es Euch an und lest mit. Da sind eigenwillige, unterschiedliche, inspirierende Posts dabei, die im Kopf ein sonderbares Eigenleben entwickeln. Und das ist ja nie ein Fehler.

Ein Eigenleben hat auch mein Regia-Restepullover entwickelt. Er ist fertig und ich finde, es ist der allertollste Pullover, den ich je gestrickt habe. Weil er dünn und leicht ist, weil er perfekt passt, weil die Farben so harmonieren, weil ich jetzt weniger Wollreste habe und weil ich es tatsächlich geschafft habe, mit 2,5er Nadeln einen Pullover zu stricken. Tschakka!

325 gr. habe ich gebraucht. Die einzige Stelle, mit der ich noch ein wenig hadere, ist die Passe. Die war so nicht gewollt. Dieses blau-grün ist anders als all die anderen Sockenwollreste und daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Alles andere schreit nach Wiederholung. Einfarbig vielleicht, grün. Oder mit breiteren Ringeln. Oder weicher, hier liegt noch Alpaca Cloud 😍.

Draußen ist es warm genug, um guten Gewissens drinnen zu bleiben 😬. Also geht dieser Post jetzt zu Andrea und dann werde ich mal sehen, was andere Bloggerinnen dort verlinkt haben. Oder ich schreibe zu #Privilegien. Oder ich mache einen Mittagsschlaf, das könnte auch sein.

Lange hatte ich keinen so entspannten Sonntag ☀️. Ihr hoffentlich auch!