Olga

Olga – so heißt unter anderem ein Asteroid, zwei Spielfilme und ein See in Kanada. Außerdem mehrere tropische Wirbelstürme, einen Berg in Australien, mindestens 10 Orte in den USA – und ein Pullover.

Eine meiner Patentöchter hat ihn sich gewünscht.

Ursprünglich sollte es ein Pipi-Langstrumpf-Pullover sein. Also habe ich 2023 passende Wolle in passenden Farben gekauft, eine Anleitung, die ihr gefiel (mit Polo-Kragen, das wollte sie gerne), eine Maschenprobe gestrickt und auf Größenangaben oder Maße gewartet.

Und gewartet. Und alle Augenblicke kam nichts.

Das Leben schön, die Tage voll und bunt, die Bachelorarbeit, der Alltag einer Studentin … irgendwann fing ich an, die Wolle in anderen Projekten zu verstricken. Erst einen Kinderpullover mit Pferden (im September 2023), dann einen Pullover mit FairIsle um die Hüfte (im November 2023). Dann einen zweiten Kinderpullover mit Kirschen (im Januar 2024),  und schließlich (im August 2024) doch einen Pipi-Langstrumpf-Pullover, wenn auch nicht für die Patentochter, sondern für ein kaum 2jähriges Kind.

Schließlich, Anfang 2025, kam der Tag, an dem die Patentochter das Stricken für sich entdeckte. Begeistert erzählte sie mir am Telefon, dass sie abends mit ihrer Freundin in der WG-Küche sitzen und stricken würde. Natürlich hatte sie auch einen Ravelry-Account, einen Sophie Schal gestrickt und eine lange, lange Wunschliste schöner Projekte. Aber – unverändert – viel zu wenig Zeit, um all diese Wünsche in Pullover oder Jacken zu verwandeln.

Da kam ich dann wieder ins Spiel und mit mir der Olga Pullover von PetiteKnits. Von wem auch sonst? Zumindest in meiner Wahrnehmung gibt es keine Designerin, die so populär ist bei jungen Frauen.

Zugegeben, viele der Designs sind wirklich schön, präsentiert am winzigen Körper der blonden Frau, von der ich annehme, dass sie die Namensgeberin ist. Aber wer denkt je über den Namen nach?

„Petite“ nennt man Kleidergrößen für Frauen, die kleiner als 1,62m sind, und Kleidungsstücke, die  den Proportionen kleinerer Körper gerecht werden. Am besten wahrscheinlich geeignet für schlanke Frauen mit wenig Oberweite.

Wer das im Hinterkopf hat und sich dann die dänischen Pullover oder Cardigans ansieht, sieht genau das: großzügige Weite, schön fallende Oberteile, lässige Schnitte – an einer zarten Figur. Und die hat nicht jede.

Ich stricke nun also den Olga Pullover in L. Die Anleitung verlangt eine zusätzliche Weite (positive ease) von 23 cm. Also: Brustumfang plus Weite sind (bei mir) 118 cm. Der fertige Pullover in Größe L wird, gemäß Anleitung, nach dem Waschen und Spannen 123 cm haben. Passt … sollte man meinen.

Um es kurz zu machen: ich bin keine Olga. Ich bin eine 1,72m große Frau mit Brust und Taille, für die der Pullover definitiv zu kurz ist und niemals so aussehen wird, wie auf dem Bild. Kann er ja nicht.

Der Patentochter, die wiederum eine andere Figur hat als ich, erheblich jünger ist, definitiv lässiger und wunderbar strahlend schön, wird es wahrscheinlich nicht anders gehen. Und doch wird sie darauf hoffen. Egal, wie viele Olga Sweater sie sich auf der Suche nach Farb-Inspirationen vorher angesehen hat.

Das ist das eigentliche Dilemma: PetiteKnits hält genau das, was der Name vermuten läßt: sie entwirft (und verkauft) Strickdesigns für Menschen mit kleiner Körpergröße – und die Illusion, im Olga Pullover so auszusehen wie sie.

Wie immer das ausgeht – ich werde sicher nochmal dazu schreiben. Und bis dahin stricke ich rote und blaue Ringel in der Hoffnung auf ein Happy End. Sollte mir jetzt jemand empfehlen wollen, den Pullover einfach länger zu stricken: nein danke, sicher nicht. Er ist italienisch abgekettet. Wer das schonmal gemacht ht, weiß, dass ich das nie (nie!) wieder aufmache.

Bei allem lobe ich mir den Sophie Schal der gleichen Designerin. Der passt um jeden Hals und zu jeder Person. Egal, wie groß oder klein. Zu mir, zur Patentochter und sogar zum Mann. Der trägt seinen den ganzen Winter durch.

 

Verlinkt zum Samstagsplausch

 

(Für einen Moment) freie Nadeln

Freie Nadeln – wann konnte ich das jemals schreiben?! Habe ich das überhaupt jemals geschrieben? Fakt ist: sie sind tatsächlich alle frei. Liegen hier rum. Bis auf eine einzige Rundstricknadel, an der ein täglich wachsendes Paar Socken (Mount Moccos von REGIA) hängt. Geplant waren die nicht.

Nur Wollreste, die mir in die Hände fielen, zusammen gut aussahen und verarbeitet werden wollten. Leider sind beide Knäuel ohne Banderole und so hoffe ich nun, dass der Faden in den schönen Beerentönen reicht …

Ebenfalls aus Wollresten habe ich an den ersten Tagen des neuen Jahres viele kleine Bären gestrickt. 6 gr. Sockenwolle für jeden, 1,75er Nadeln, jeder um die 10 cm groß, jeder mit eigenem Charakter und eigenem Pullover.

Zwei haben mich schon verlassen: der mit dem Ringelpullover spielt jetzt mit einem kleinen Mädchen. Der mit dem roten Herzen auf der Brust tröstet meine Nachbarin. Zwei neue Bären sind „nachgerückt“. Alle werden sie eine Aufgabe finden.

Und dann?

Eine der großen Patentöchter hat sich einen Olga Sweater gewünscht. In „Mimosen-Garn“, das heißt, lieber nicht im Originalgarn (Peer Gynt von Sandnes), sondern weicher. Mir soll’s recht sein. Bunte Ringel über vier Reihen werden mit jedem Garn von den Nadeln fliegen, da bin ich mir sicher. „Nur noch eine Farbe, dann lege ich es weg“ – das kennen wir alle. Das klappt sowieso nicht.

Auf der Suche nach Garnalternativen habe ich den FjordMosaic Pullover entdeckt. Seither verfolgt er mich, weil er so unglaublich schön ist, dass ich das Bild kaum angucken kann, ohne ihn auf den Nadeln haben zu wollen. Mal sehen, wie das ausgeht … Noch bin ich standhaft.

Stattdessen packe ich kleine „Stricken-to-go“ Taschen mit Nadeln und Faden für das eine oder andere Paar Socken in der U-Bahn, für längere Autofahrten als Beifahrerin, für Wartezeiten hier und da und so wird sich das mit den freien Nadeln wohl bald wieder erledigt haben.

Soviel ist sicher: Ich werde viel stricken in den nächsten Wochen. Mehr als sonst! Sonst wird der Kopf weder hell noch frei. Geht es Euch auch so? Die anstehenden Wahlen, verbunden mit der Sorge um’s Land, die Amtseinführung in den USA mit der Sorge um die Welt – es treibt mich um.

Stricken unter der Bettdecke und dort für vier Jahre bleiben … das würde ich gerne, werde ich aber nicht. Anderen scheint es ähnlich zu gehen, behauptet das New York Times Magazine: „Michelle Obama isn’t sick – She just hates Trump“ haben sie vergangene Woche getitelt. Ob’s stmmt? Egal.

I feel you, Michelle Obama.

Ich denke, ich werde mit einer Maschenprobe für den Olga Sweater anfangen. Ausgerechnet blau (Demokraten) und rot (Republikaner) hat sich die Patentochter ausgesucht. Vier Reihen so, vier Reihen anders. Und dann von vorne.

Passt ja …

 

Verlinkt zum Samstagsplausch

Vorbei

Wieder ist ein Kalenderjahr vorbei, (für mich auch) ein weiteres Lebensjahr – so schnell, schneller noch als in den Vorjahren. Oder kommt es mir nur so vor? Der Kopf ist voll und doch will (noch?) nichts davon auf den Bildschirm, bzw. in mein Blog.

Dabei habe ich Silvester eine Schreibfeder aus Zinn gegossen. Schreibfedern symbolisieren „Kreativität und die Fähigkeit, Gedanken und Ideen auszudrücken“, steht auf der Umverpackung. Sie stehen für „Neuanfänge und die Möglichkeit, eigene Geschichten zu schreiben“.

Na dann 🙂

Es könnte aber auch ein Schuh sein. Reise? Veränderung? Fortbewegung? KI sagt, die Interpretation eines Schuhs ermutige dazu, „bewußte Entscheidungen auf dem Lebensweg zu treffen und sich auf bevorstehende Veränderungen einzustellen“.  Passt auch.

Was immer kommt – 2024 ist vorbei, alles steht gefühlt wieder auf Anfang!

Vorbei sind auch die vielen linken Maschen der kleinen Jacke. Zum Glück! Erstmalig ein Projekt, bei dem ich mich tatsächlich auf die Ärmel gefreut habe. Zweifarbiges Stricken ist so viel einfacher in Runden und mit rechten Maschen.

Die Spannfäden sind hoffentlich kurz genug für Kinderfinger, die Knopflöcher habe ich umstickt und mit Pferd, Vogel, Schmetterling, Sternen, Schafen und Herzen hoffentlich den Geschmack eines Kindes getroffen. Es fehlen nur noch die Knöpfe. Schwarze hätte ich, silberne möchte ich. Oder bunte.

Aber erstmal werde ich heute Weihnachten zurück in Kisten packen und die auf den Dachboden bringen, ehe Montag wieder Alltag ist. Andrea schreibt heute, bei ihr sei alles durcheinander – ich kann das so gut nachvollziehen.

Draußen liegt seit gestern Abend Schnee … Schnee in der Stadt ist ganz weit unten auf meiner Wunschliste … Möge diese Winterepisode deshalb ebenso schnell vorbei gehen, wie die letzten Tage in 2024!

Euch allen ein Happy New Year 💫

21.594 Meter

59 Projekte habe ich 2024 begonnen und beendet. Darunter 8 Pullover, 22 Paar Socken, 9 Mützen und 7 Mal Pulswärmer.

21.594 Meter verstrickte oder verhäkelte Wolle. Und wie immer am Ende eines Jahres überrascht sogar mich (durch deren Hände die Fäden für jedes dieser Projekte gelaufen sind) diese Zahl. 21.594 Meter. Das ist verrückt!

Schließlich habe ich „nebenbei“ auch gearbeitet und geschlafen, mich um Haus und Garten gekümmert, gegessen, Freundinnen und Familie gesehen – kurz: all das getan, was man Leben nennt.

Highlights für mich waren definitiv die beiden Pullover fürs große Kind – der Nordkalottengenser und der Weihnachtspullover (in beiden verstecken sich viele Meter Wolle) – und die Erkenntnis, dass man Wolle besticken kann: geübt habe ich das an den Tor Socken und an Pulswärmern mit bunten Blumen.

Die meisten kleinen Herzen hat auf Ravelry jedoch ein anderes Projekt bekommen: der Anton Pullover mit seinen Punkten, den ich in Rowan Cotton Cashmere gestrickt habe. Wundert mich unverändert, dass den nicht Alle gestrickt haben, aber nein. Stand heute gibt es keine weiteren Verlinkungen auf Ravelry.

Am häufigsten getragen habe ich sicherlich das EasyPeasy Tuch. Am wenigsten (also tatsächlich nie) die Sneakersocken aus REGIA Virtuoso (zu warm im Sommer und mit nacktem Bein ungeeignet für den Winter), den Lakewood Cowl und den Vinnje Collar. Beide sind schön, aber für meinen Hals nicht gemacht. Warum auch immer.

Nun also 2025! Vielleicht poste ich am Ende nur eine große Collage aller fertigen Projekte. Das wäre auch mal was. Oder ich stricke weniger. Oder mehr? Wieviele Meter werden es? Wer weiß das schon …

Wie jedes Jahr hat es Spaß gemacht, hier zu zeigen, was ich mache, ein bißchen aus meinem Leben zu erzählen und ab und an „zurückzublättern“.

Danke, dass Ihr dabei wart. Danke für’s Mitlesen und für Eure Kommentare. Es ist so schön zu wissen, wie viele „da draußen“ sind, die ebenso wollverrückt sind wie ich oder einfach nur interessiert an dem, was ich tue. Ich freue mich sehr, wenn das so bleibt.

Aber jetzt stricke ich erstmal den Sophie Schal zu Ende, der hier noch liegt. Wäre doch gelacht, wenn es nicht doch noch 60 Projekte werden in 2024 😉

 

Zum letzten Mal in diesem Jahr verlinkt zu Andrea’s Samstagsplausch.

Das Geschichte vom goldenen Anhänger

Ein Anhänger in goldener, schön geschwungener Schrift, „O du fröhliche“. Der Monk in mir vermisst das Komma zwischen dem O und dem Rest, das Herz erinnert die Geschichte.

Erinnerung ist selektiv und immer wieder bin ich überrascht, welche Ereignisse es letztlich sind, die „hängen bleiben“. So, wie die Geschichte dieses Anhängers. Oftmals nichts als kurze Momente, zufällige Situationen. So war es auch hier. Darüber geschrieben habe ich vor mittlerweile fünf Jahren und weil die Muse heute offensichtlich im Winterschlaf ist (oder in Weihnachtsvorbereitungen, wer weiß das schon), erzähle ich es Euch heute einfach nochmal.

Irgendwann Ende 2019 – nach Weihnachten und vor Silvester – musste ich ins KaDeWe, Besorgungen machen für den Chef, und weil wir da tatsächlich über’s Jahr nie hinfahren, kam der Mann mit. Wir hofften auf einen Rest von Weihnachtszauber.

Aber als wir hinkamen, war fast alles schon abgebaut. Überall standen zwar noch die Weihnachtsbäume, aber ohne Schmuck. Drumherum Kartons, Verpackungsmaterial, Rollwagen, ein Besen.

Das goldene „O du fröhliche“, das noch an einem Zweig baumelte, war trotzdem nicht zu übersehen. Und sofort erkannte der Mann, dass ich es haben wollte.

Also nahm er es ab, trug es zu einer Verkäuferin und fragte, ob er es kaufen könne. Sie zuckte mit den Schultern und schickte ihn zur Kasse. Dort schien niemand mehr Lust zu haben, Weihnachtsschmuck zu verkaufen. Im Gegenteil. Weihnachten sollte sichtlich in Kisten und weg – so dringend, dass keine der Damen den Mann auch nur angucken wollte. Also stand er da.

Sie müsse erst „nach hinten“ und den Katalog holen, der dort irgendwo sei, meinte schließlich eine von ihnen. Unüberhörbar schwang ein „was wollen Sie denn noch mit dem Ding? Weihnachten ist doch eh vorbei“ mit. Ich sah den Mann, sah seinen Blick und wußte, dass er nicht nachgeben würde. Und genau so war es. Freundlich bot er an zu warten oder mitzukommen „nach hinten“ – was immer ihr lieber wäre.

Ich setzte mich auf ein Podest in der Nähe. Wir hatten Zeit

Und weil das KaDeWe das KaDeWe ist, kam die Dame wenig später mit einem Katalog zurück, den sie dann Seite für Seite durchblätterte. Zwei Mal. Den Anhänger fand sie nicht. Seufzend bat sie telefonisch einen Kollegen um Hilfe. Der brachte einen zweiten Katalog. Beide runzelten die Stirn. Dann ging der Kollege wieder. Kopfschüttelnd.

Der Mann hielt unterdessen den Anhänger fest. „Ich möchte ihn meiner Frau schenken“, sagte er, „können wir uns nicht auf einen Preis einigen?“ Sie tat mir ein bißchen leid. Also ging ich weg, machte einen kleinen Spaziergang durch den Wald der abgeschmückten Bäume.

Dort fand mich der Mann kurz darauf. In der Hand hielt er den in Seidenpapier eingewickelten Anhänger. O du fröhliche! Wie er sie überzeugen konnte, was er letztlich gezahlt hat, blieb ein Geheimnis und ist es bis heute.

Aber die schön geschwungenen, goldenen Buchstaben hängen hier jedes Jahr wieder. Auch wenn die Welt zur Zeit wenig Anlaß gibt, fröhlich zu sein.

 

Verlinkt zu Andreas Samstagsplausch