Früher habe ich jeden Monat über das gebloggt, was auf meinen Nadeln ist. In erster Linie für mich, um mich zu motivieren, Projekte nicht nur anzufangen, sondern auch zeitnah (sehr dehnbarer Begriff) zu vollenden. Das war so semi-erfolgreich … Manches lag hier trotzdem über Jahre, um am Ende geribbelt zu werden. Anderes wurde zwar fertig, aber getragen habe ich es nie.
Danach (oder deshalb?) kam dann eine ‚monogame‘ Phase, also nie mehr als ein Projekt auf den Nadeln, und damit wurde der monatliche Blogpost irgendwie obsolet. Wenn nur ein Projekt auf den Nadeln ist, kann man auch nur über ein Projekt schreiben.
Dann kam (m)eine Socken-Welle: Schnell gestrickt, schöne Projekte für unterwegs und mit jedem fertigen Paar ein Erfolgserlebnis. Bald habe ich das Haus nicht mehr ohne Sockenwolle und 2er Nadeln verlassen. Nur geschrieben habe ich auch darüber nicht. Bestenfalls ein Bild auf Instagram. Mehr nicht. Weil Socken dann eben doch ’nur‘ Socken sind und ja, weil ich einfach gar nicht mehr geschrieben habe.
Mein ewiges Thema: was mache ich hier eigentlich? Warum schreibe ich, über was und für wen?
Vielleicht finde ich es raus, wenn ich einfach wieder öfter blogge. Zum Beispiel über das, was auf meinen Nadeln ist. Nadelgeplapper nennt Andrea das und erzählt – mehr oder weniger konsequent – einmal im Monat, woran sie gerade arbeitet. Das könnte ich doch auch. Deshalb jetzt und hier:
Wie besessen habe ich in den letzten Tagen am Simple Summer Top Down V-Neck Pullover gestrickt. Die Wolle (nichts dolles: 80% Schurwolle, 20% Polyamid) hat meine Schwiegermutter hinterlassen. Damit zu stricken gibt mir das Gefühl zu vollenden, was sie machen wollte und gleichzeitig irgendwie auch Abschied zu nehmen. Wir hatten keinen guten Start, die Schwiegermutter und ich, aber igendwann haben wir es hinbekommen. Irgendwann wurde es gut. Mit ihrer Wolle zu stricken, fühlt sich richtig an.
Der Pullover wird tatsächlich richtig schön, das Maschenbild ist perfekt; allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass das Garn viel aushalten wird. Mal sehen.
Weil ich nicht sicher war, ob die Wolle reichen würde, habe ich erst die Ärmel und den Halsausschnitt gestrickt, jetzt fehlt nur noch der restliche Körper. Der fertige Pullover ist dann ziemlich weit und ziemlich schwer. Wahrscheinlich mache ich ihn deshalb nicht viel länger als bis zum Gürtel. Damit er in Form bleibt. Es täte mir leid, wenn er leiert.
Der arme Kerl wird, wenn er in absehbarer Zeit fertig ist, sowieso erstmal für Monate in eine Plastiktüte müssen. Frühlingsfarbe hin oder her – für einen mit 5er Nadeln gestrickten Pullover ist es (hoffentlich!) erstmal zu warm draußen.
Projekt N° 2 auf meinen Nadeln (genau genommen auf nur einer Nadel) ist auch ein Pullover. Ich habe keine Anleitung, nur Bilder im Kopf: gehäkelte Granny Squares für den Körper; Kragen, Ärmel und Bündchen möchte ich anstricken. Noch sieht man das nicht, es könnte genauso gut eine Decke werden …
Auch dieser Pullover wird weit, fast wie ein Poncho und ich hoffe, dass das Garn – REGIA Premium Silk in weiß und Alpaca Soft in rosé – nach dem Waschen und Spannen weich fällt. Dann wird man zwar durch die blumigen Granny Squares hindurch sehen können wenn ich mich bewege, aber es wird kein durchsichtiger Pullover.
Die Haptik ist jetzt schon sehr schön und ich freue mich auf das Ergebnis. Die Farben sehen aus wie die der Zierkirsche, die früher unseren Garten dominiert hat und nun Jahr um Jahr kleiner wird. Leider! Der Teenager hat eine neue gepflanzt, aber bis die auch nur ansatzweise so groß ist, wird noch lange dauern. Beide, der große und der kleine Baum, blühen gerade und der Wind trägt die kleinen rosa Blätter durch den Garten. Das habe ich so gerne!
Das war’s. Mehr ist nicht auf meinen Nadeln. Abgesehen von (gefühlt) unendlichen Häkelblumen, die noch auf eine Aufgabe warten. Vielleicht findet sich die bis nächsten Monat, wenn ich wieder über das schreibe, was auf meinen Nadeln ist. Vorgenommen habe ich es mir …


Die ersten gut 25 Seiten sind den angewandten Techniken gewidmet: bißchen was zu Farbenlehre, Wolle und Maschenproben und deutlich mehr zu Tapestry-, Intarsien- und Mosaik-Häkeln. Wie so oft habe ich beim Lesen mal wieder gemerkt, wie viel da noch ist, was ich noch nie ausprobiert habe. Gehäkelte Strickmaschen (rechtes Bild) zum Beispiel – sehr einfach und ein himmelweiter Unterschied zu herkömmlichen festen Maschen (linkes Bild).

Allen voran der Ailyak Pullover, gehäkelt in Tapestry-Technik. Ailyak ist, frei übersetzt sowas wie ‚Hakuna Matata‘, also „die Kunst, alles langsam und ohne Eile zu tun und dabei den Prozess und das Leben zu genießen“. Ich musste lachen, als ich das gelesen habe. Kann man ‚dauert lange, wird aber toll‘ besser benennen? Ich hätte den echt gerne, aber All-over-FairIsle in Sockenwollstärke will wohl überlegt sein …





Bei allem habe ich meine Schwiegermutter rückblickend nochmal ganz anders kennengelernt. Die vielen Fotos, die sie gemacht hat. Ihre Leidenschaft für Glas, Porzellan und Seidentücher. Und dann war da die Kommode in ihrem Schlafzimmer: drei Schubladen voll mit Stoffen und Scheren, Nähseide und Knöpfen. Wenige Stricknadeln, eine alte Strickliesel, einzelne Knäuel Wolle und in der untersten Schublade ein angefangenes Projekt. Wahrscheinlich der Ärmel eines Pullovers oder einer Jacke. In Reihen am Handgelenk begonnen und in einer Farbe, die ich nie an ihr gesehen habe.
Vor wenigen Tagen bin ich über ein Zitat von Joyce Carol Oates gestolpert und das geht mir jetzt nicht mehr aus dem Kopf: „Zeit ist das Element, in dem wir existieren. Wir werden entweder von ihr dahingetragen oder ertrinken in ihr.“ Ich möchte getragen werden, aber irgendwie will das zur Zeit nicht klappen und ich frage mich, woran es liegt. Kann es sein, dass meine innere Uhr anders tickt, als die am Handgelenk?
Zwei Dinge stehen deshalb ab sofort ganz oben auf meiner Liste: immer dann, wenn ich das Gefühl habe, alles überrollt mich, werde ich nicht schneller arbeiten, sondern gar nicht. Einfach mal Pause machen, Luft holen, vielleicht eine Runde um den Block gehen.







