Nun also 2021

„Nirgendwo sind die Nächte so dunkel, wie da, wo meine Großeltern wohnen“, hat der Teenager gesagt, als er noch ein kleiner Junge war, der sich vor dem Einschlafen im großen Haus gruselte. „Dafür sieht man viel mehr Sterne“, war jedes Mal meine Antwort. Daran musste ich denken, als wir jetzt zu Silvester dort waren. Zwar wurde im Dorf die eine oder andere Rakete gezündet, aber schon kurz nach Mitternacht war alles wieder sehr dunkel und sehr ruhig.

Ich konnte Silvester noch nie viel abgewinnen. Nicht mit und nicht ohne Raketen. Der Dunkelheit auch nicht.

Und doch gucke ich bis heute nach den Sternen.

Seit drei Tagen ist Januar. Alles frisch, oder nicht?  Ein neues Jahr ist kein neuer Anfang, schreibt Andrea in ihrem Blogpost. Weil alles weiterläuft, wie vorher auch. Immer noch Covid, immer noch Winter. So vieles geht mir durch den Kopf, seit ich ihren Post gelesen habe, aber im Wesentlichen zwei Dinge:

(1) Alles auf Anfang heißt für mich nicht: alles nochmal. Es hat mehr von: Etappenziel erreicht. Innehalten und zurückblicken, ehe es weitergeht. Weil alles so schnell geht. Jedes Jahr ein bißchen schneller.

(2) Wenn ich so zurückblicke, sehe ich vor allen Dingen, dass und wieviel Glück wir – der Mann und ich – hatten in 2020. Glück und uns. Gesund, mit Job, ohne finanzielle Einbußen. Mit Garten und Platz in einem langen Sommer. Mit engen Freunden, die jetzt noch enger sind. Mit einem Teenager, der – Glückskind und Sportler – zwar weit davon entfernt ist, Klassenbester zu sein, aber seinen Weg macht. Egal, wie widrig die Umstände.

Was sehe ich noch?

Ravelry sagt, ich habe 2020 14.330 Meter in 30 Projekten verstrickt und 5.463 Meter in 5 Projekten verhäkelt. Da kommt noch der wachsende Kolding mit bisher 1.500 Metern dazu.

21.293 Meter – einundzwanzigtausendzweihundertdreiundneunzig! – in 36 Projekten.

Die jeweils größten Projekte – die gehäkelte Granny-Decke mit 2.125 Metern, die gestrickte Kinderdecke mit 2.310 Metern und die rosa Jacke aus Kaschmir (immerhin 1.800 Meter). haben dieses Haus verlassen.

 

Jetzt also 2021. Jahresanfang.

Ich habe keine Vorsätze, nur Wünsche. Sowas wie Alltag für den Teenager, das wäre schön. Und dass der Mann im Lauf des Jahres vielleicht nach Berlin versetzt wird. Das wäre auch schön. Was noch? Weiterhin stricken mit den Besten, Impfungen für Alle und Weltfrieden.

Wünschen kann man sich alles!

 

 

 

Ende Dezember

Ich habe Handschuhe gestrickt. Einfache, weiche Fausthandschuhe aus Wollresten im Rippenmuster. Und ein paar kleine Quadrate gehäkelt. Auch aus Wollresten. Sonst nichts. Dabei würde es sich anbieten, mehr zu machen. Draußen ist es kalt und grau, ein freier Tag reiht sich an den nächsten und Wolle liegt hier (mehr als) genug. Aber irgendwie geht es gerade nicht.

Also mache ich einfach gar nichts, während dieses so merkwürdige Jahr zu Ende geht. Gucke in Kerzen oder aus dem Fenster, schlafe aus und gehe spazieren, während ich darauf hoffe, dass es morgens bald wieder hell ist.

Denn wie immer um diese Jahreszeit glaube ich, dass mit dem 1. Januar alles neu und anders wird.  Auch wenn ich weiß, dass das nicht stimmt.

„Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt“ soll Schopenhauer gesagt haben. Je älter ich werde, um so mehr fehlt mir Licht.

Deshalb werde ich jetzt schnell noch mal um den Block gehen, ehe es wieder dunkel wird und ehe ich dann bei Andrea lese, was sie und viele andere zum Jahresende bewegt.

Was immer Ihr macht, an diesen letzten Dezembertagen – habt es schön 💙.

 

 

 

Weihnachtswünsche

Der Kolding wächst, wenn auch sehr langsam. Ich meckere nicht, im Gegenteil. Irgendwie ist es meditativ, da Reihe um Reihe dran zu stricken. Rechts-links im Wechsel, dann Patent – genug Abwechslung, um das Gestrick nicht langweilig werden zu lassen, aber nicht so viel, als dass ich nicht dabei denken könnte. Und genau das tue ich.

Nur füllt das keinen Blog. Deshalb nocheinmal die Anleitung zum Ohrwärmer unterm Fahrradhelm aus 2014, weil ich diese Anleitung immer noch für eine der praktischsten und besten halte, die ich kenne. Ich hätte schon Lust, so ein Ding genau jetzt noch mal zu stricken.

Mache ich aber nicht. Erst den Kolding! Aber vorher noch die Anleitung.

💙

Gestern Abend habe ich das letzte Geschenk angefangen und gleich fertig gestrickt. Für einen, der auch im Winter Fahrrad fährt. Das Stricken ging echt ruck-zuck und ich bin überzeugt, dass der Empfänger – ein Nachbar – begeistert sein wird. Er ist mehr der konservative Typ, deshalb habe ich dunkelblaue Wolle genommen. Bunt wären die schöneren Bilder geworden. Egal.

Und? Irgendeine Idee was das sein könnte?

Richtig – damit wird aus dem Fahrradhelm ein Winterhelm und man muss keine Mütze mehr drunter tragen. Das ist eh so eng und ungemütlich. Meistens zumindest.

Die englische Anleitung habe ich hier gefunden. Sie ist wirklich total einfach:

12 Maschen anschlagen (am besten mit Nadelspiel) und zur Runde schließen. 4 Reihen 1re/1li stricken. Ab dann wird rechts gestrickt. Dabei in der ersten Reihe 4 Maschen zunehmen: auf der 1. und 3. Nadel jeweils 1 Masche am Reihenanfang, auf der 2. und 4. Nadel jeweils 1 Masche am Reihenende. Danach zwei Reihen ganz normal rechte Maschen stricken. Diese drei Reihen so lange wiederholen, bis 11 Maschen auf jeder Nadel sind (44M in der Runde). Ein letztes Mal die Reihen zwei und drei stricken (also ganz normale Reihen ohne Zunahmen), dann wieder 4 Reihen 1re/1li. Das ist „das erste Ohr.“

Alle Maschen auf Nadeln 1 und 2 abketten (= 22M) und mit den verbleibenden Maschen (22M) im Muster (1re/1li) weiterstricken. Ungefähr 27cm, je nach Kopf.

Dann wieder 22 Maschen aufnehmen, alle Maschen (44M) zur Runde schließen. 4 Reihen 1re/1li stricken, 2 Reihen normal und in der nächsten Runde 4 Maschen abnehmen: je eine Masche am Reihenanfang von Nadel 1 und 3, und am Reihenende von Nadel 2 und 4.

Diese drei Reihen so oft wiederholen bis nur noch 12 Maschen in einer Runde sind. Noch mal 4 Reihen 1re/1li, alle Maschen abketten und die Fäden vernähen.

Jetzt nur noch die Gurte vom Helm durch die „Taschen“ fädeln – fertig! Nie mehr werden die Ohren kalt beim Fahrradfahren.

Im englischen Blog steht das alles viel schöner und detaillierter, außerdem gibt es da auch ein Tragephoto. Guckt es Euch einfach mal an.

Damit melde ich mich (vorerst) ab. Ich wünsche Euch – und vor allen Dingen Dir, Andrea – wunderbare Weihnachten! Erholt Euch, strickt (oder häkelt) so viel Ihr könnt, legt die Füße hoch, lasst Euch beschenken, guckt Weihnachtsfilme und stellt Euch vor, draußen wäre alles weiß. Eßt Marzipankartoffeln, hört Weihnachtsmusik, wickelt Euch in Selbstgestricktes und schreibt die Weihnachtskarten, die Ihr eigentlich Anfang Dezember schreiben wolltet.

Genauso mache ich es auch.

Jede Menge Grau

Die erste große Liebe … denkt Ihr da manchmal noch dran? Viele Jahre ist das bei mir her und doch ist die Erinnerung daran heute sehr präsent, während ich lange, graue Reihen am Kolding stricke.

Ich konnte damals mit seinen Freunden nichts anfangen, er nicht mit meinen. Unsere Familien kannten sich nicht. Unsere Interessen, Ziele, Gedanken, Ansichten hätten unterschiedlicher nicht sein können. So wie Sartres „Das Spiel ist aus“, nur ganz anders.

Grönemeyer, Westernhagen, Lindenberg, Klaus Lage. Wir haben sie alle live gesehen. Das Knoblauchfest in Darmstadt, Alexander Berkmans „ABC des Anarchismus“, Sardinen vom Grill, der kleine Junge an der Strasse. „Gibt’s hier was für Kinder?“ hat er mit großen Augen gefragt.

Erinnerung ist selektiv.

500 Tage. Es waren genau 500 Tage. Alles ein Rausch. Und immer und überall Menschen. Er sprach mit allen, fing sie ein. Ein Menschenfänger. Fröhlich, unbekümmert, großzügig, charismatisch. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Es konnte nicht gut gehen, sage ich. Es hätte funktionieren können, sagt er. Als es zu Ende war, waren wir beide im freien Fall. Erst Tränen, dann Funkstille.

Jahre danach (10? Vielleicht mehr?) sind wir zusammen ins Zillertal gefahren. Als Freunde. Nach einer Woche haben uns die Gäste zum Traumpaar gewählt. Weil wir uns wortlos verstehen, haben sie gesagt, und so entspannt sind. Auch daran hat sich nichts geändert.

Er hat einen Platz in meinem Herzen und das wird für immer so sein.

Es gäbe noch so viele Geschichten zu erzählen. Die schönste Geschichte von allen ist jedoch, dass wir uns nie verloren haben. Mag sein, dass wir uns nicht oft sehen, aber das macht nichts. Wenns drauf ankommt, klappt es irgendwie. Als er Onkel wurde, saß ich mit ihm in einer Kneipe in Frankfurt. Als der Teenager auf die Welt kam, kam er nach Berlin. Natürlich waren wir dabei, als er seine Lebensliebe geheiratet hat und als Darmstadt 98 sich im Spiel gegen Hertha BSC den Klassenerhalt gesichert hat, auch.

Ich kenne ihn mehr als die Hälfte meines Lebens.

Vergangene Woche hat mir eben dieser Freund in einer Nachricht geschrieben, dass er positiv getestet wurde. Obwohl er niemanden gesehen hat. Obwohl er sich an alle Vorgaben gehalten hat. Es geht ihm nicht sehr gut, schreibt er. Atemnot und Husten. Kein Geschmacksinn. Kein Geruch.

Ich stricke lange, graue Reihen (die beige aussehen im Bild, weil es draußen grau ist) und denke an den Freund. An ihn und an seine Frau, an Andrea und ihren Mann. Daran, dass dieses verdammte Virus verschwinden soll!

#FUCKcorona

O du fröhliche

Irgendwann Ende 2019 musste ich ins KaDeWe, Besorgungen machen für den Chef und weil wir da tatsächlich über’s Jahr nie hinfahren, kam der Mann mit. Wir hofften auf einen Rest von Weihnachtszauber 💫.

Aber als wir hinkamen, war fast alles schon abgebaut. Überall standen zwar noch die Weihnachtsbäume, aber ohne Schmuck. Drumherum Kartons, Verpackungsmaterial, Rollwagen, ein Besen.

Das goldene „O du fröhliche“ das noch an einem Zweig baumelte, war trotzdem nicht zu übersehen. Und sofort erkannte der Mann, dass ich es haben wollte.

Also nahm er es ab, trug es zu einer Verkäuferin und fragte, ob er es kaufen könne. Sie zuckte mit den Schultern und schickte ihn zur Kasse. Dort schien niemand mehr Lust zu haben, Weihnachtsschmuck zu verkaufen. Im Gegenteil. Weihnachten sollte sichtlich in Kisten und weg – so dringend, dass keine der Damen den Mann auch nur angucken wollte. Also stand er da.

Sie müsse erst „nach hinten“ und den Katalog holen, der dort irgendwo sei, meinte schließlich eine von ihnen. Unüberhörbar schwang ein „was wollen Sie denn noch mit dem Ding? Weihnachten ist doch eh vorbei“ mit. Ich sah den Mann, sah seinen Blick und wußte, dass er nicht nachgeben würde. Und genau so war es. Freundlich bot er an zu warten oder mitzukommen „nach hinten“ – was immer ihr lieber wäre.

Ich setzte mich auf ein Podest in der Nähe. Wir hatten Zeit.

Und weil das KaDeWe das KaDeWe ist, kam die Dame wenig später mit einem Katalog zurück, den sie dann Seite für Seite durchblätterte. Zwei Mal. Den Anhänger fand sie nicht. Seufzend bat sie telefonisch einen Kollegen um Hilfe. Der brachte einen zweiten Katalog. Beide runzelten die Stirn. Dann ging der Kollege wieder. Kopfschüttelnd.

Der Mann hielt unterdessen den Anhänger fest. „Ich möchte ihn meiner Frau schenken“, sagte er, „können wir uns nicht auf einen Preis einigen?“ Sie tat mir ein bißchen leid. Also ging ich weg, machte einen kleinen Spaziergang durch den Wald der abgeschmückten Bäume.

Dort fand mich der Mann kurz darauf. In der Hand hielt er den in Seidenpapier eingewickelten Anhänger. O du fröhliche ❤️! Wie er sie überzeugen konnte, was er letztlich gezahlt hat, blieb ein Geheimnis und ist es bis heute.

Jetzt, im Advent, war es das erste Ornament, das ich hervorgeholt habe. Wie gemacht, um meinen KnitAlong mit Stefanie, Andrea und Magda anzuzeigen. Anstelle eines gemeinsamen Anstrickens haben wir zeitgleich Maschenproben gestrickt und gepostet. Jede bei sich zu Hause. KnitAlong im Zeichen von Corona … Mein goldenes O du fröhliche mittendrin.

Seit einer Woche stricken wir nun zusammen den Kolding-Schal von ChrisBerlin. Magda und ich haben uns für Regia Premium Silk entschieden, Andrea strickt mit Regia Premium Cashmere und Stefanie mit Regia Premium Merino Yak (es sei denn, sie entscheidet sich doch noch für Silk).

Mittlerweile bin ich bei dem zweiten von sechs Teilen angekommen. Der Anfang lief (bei mir) nicht so gut, also habe ich irgendwann alles wieder geribbelt. Jetzt, wo ich die Nadeln  (3,5 / Holz) und das Kantenmuster geändert habe – ChrisBerlin möge mir das verzeihen – könnte ich nicht glücklicher sein.

O du fröhliche 😊.

Gefühlt wird der Kolding überall gestrickt zur Zeit und wohl auch immer wieder aus einem der Regia Premium Garne. Wir freuen uns über jede, die sich uns und der #Koldingmania anschließen möchte. Der Hashtag für unseren #KOLdingKAL ist #Regia💛Kolding und noch sind wir alle #Koldingstarter.