Granny Squares

Schon erstaunlich, was einem so durch den Kopf geht, während man ein Granny Square mit dem nächsten verbindet.

Wenn der Körper eines Pullovers gestrickt ist und nur noch die Ärmel fehlen, wenn das Gestrick auf Deinem Schoß immer schwerer wird und sich verdreht, während du erst den einen und dann den anderen Ärmel strickst, wenn du viel lieber schon etwas Neues anfangen würdest – das ist #SleeveIsland.

Beim Socken stricken ist es mitunter ähnlich. Die erste Socke macht deutlich mehr Spaß als die zweite. In der zweiten wiederholt sich alles, der Reiz des Neuen ist weg. Auch da würde ich lieber schon was anderes anfangen. Typisch #SecondSockSyndrom eben.

Warum gibt es eigentlich keinen vergleichbaren Hashtag für das Verbinden von Granny Squares? … #SentencedToJoining vielleicht oder #ForeverJoining. Zu jedem Quadrat habe ich schon zwei Fäden vernäht (288) – mit jeder Einfassung kommt die gleiche Anzahl an zu vernähenden Fädchen dazu.

Dennoch: die erste Reihe Granny Squares ging gut. Schließlich weiß man vorher nie (so richtig), ob die Farbe passt. Die zweite Reihe wollte ich (aus dem gleichen Grund) lieber heute als morgen fertig haben. In der dritten habe ich gehadert, ob Schwarz eine gute Idee ist oder zu hart im Kontrast. Ab Reihe vier wußte ich, dass ich es genau so lasse: bunte Quadrate mit schwarzem Rand. Und sei es nur, um nicht alles wieder ribbeln zu müssen. (Stimmt nicht, ich mag es. Erinnert mich irgendwie an Kirchenfenster).

Mittlerweile sind sieben Reihen gehäkelt und das Projekt ‘Granny Square Decke’ stagniert. Zu viel auf den Nadeln. Zu anstrengend. Man meint es nicht, aber nichts fordert meinen Nacken und Schultern so sehr, wie Häkeln. In Kombination mit schlechter Sitzhaltung am Computer, Gartenarbeit und Holz stapeln ist es fatal. Die Schmerzen strahlen bis in den Arm.

Seit gestern bin ich also mal wieder wieder getaped und ernähre mich vorwiegend von Ibuprofen. Aber das heißt auch, dass dieser Post kürzer wird, als gedacht. Und dass ich für die Decke länger brauchen werde …

Die von der Nichte so schön nummerierten Granny Square Stapel müssen noch eine Weile hier liegen. So, wie alle anderen Strickereien leider auch.

Andrea ist die Einzige, die meine wachsende Decke bisher bei unserem Skype-Strick (mit Schokoladenkuchen nur für sie) gesehen hat und so viel kann ich sagen: das hier ist ihr zu bunt.

Was meinst Du?

Nun also 2021

“Nirgendwo sind die Nächte so dunkel, wie da, wo meine Großeltern wohnen”, hat der Teenager gesagt, als er noch ein kleiner Junge war, der sich vor dem Einschlafen im großen Haus gruselte. “Dafür sieht man viel mehr Sterne”, war jedes Mal meine Antwort. Daran musste ich denken, als wir jetzt zu Silvester dort waren. Zwar wurde im Dorf die eine oder andere Rakete gezündet, aber schon kurz nach Mitternacht war alles wieder sehr dunkel und sehr ruhig.

Ich konnte Silvester noch nie viel abgewinnen. Nicht mit und nicht ohne Raketen. Der Dunkelheit auch nicht.

Und doch gucke ich bis heute nach den Sternen.

Seit drei Tagen ist Januar. Alles frisch, oder nicht?  Ein neues Jahr ist kein neuer Anfang, schreibt Andrea in ihrem Blogpost. Weil alles weiterläuft, wie vorher auch. Immer noch Covid, immer noch Winter. So vieles geht mir durch den Kopf, seit ich ihren Post gelesen habe, aber im Wesentlichen zwei Dinge:

(1) Alles auf Anfang heißt für mich nicht: alles nochmal. Es hat mehr von: Etappenziel erreicht. Innehalten und zurückblicken, ehe es weitergeht. Weil alles so schnell geht. Jedes Jahr ein bißchen schneller.

(2) Wenn ich so zurückblicke, sehe ich vor allen Dingen, dass und wieviel Glück wir – der Mann und ich – hatten in 2020. Glück und uns. Gesund, mit Job, ohne finanzielle Einbußen. Mit Garten und Platz in einem langen Sommer. Mit engen Freunden, die jetzt noch enger sind. Mit einem Teenager, der – Glückskind und Sportler – zwar weit davon entfernt ist, Klassenbester zu sein, aber seinen Weg macht. Egal, wie widrig die Umstände.

Was sehe ich noch?

Ravelry sagt, ich habe 2020 14.330 Meter in 30 Projekten verstrickt und 5.463 Meter in 5 Projekten verhäkelt. Da kommt noch der wachsende Kolding mit bisher 1.500 Metern dazu.

21.293 Meter – einundzwanzigtausendzweihundertdreiundneunzig! – in 36 Projekten.

Die jeweils größten Projekte – die gehäkelte Granny-Decke mit 2.125 Metern, die gestrickte Kinderdecke mit 2.310 Metern und die rosa Jacke aus Kaschmir (immerhin 1.800 Meter). haben dieses Haus verlassen.

 

Jetzt also 2021. Jahresanfang.

Ich habe keine Vorsätze, nur Wünsche. Sowas wie Alltag für den Teenager, das wäre schön. Und dass der Mann im Lauf des Jahres vielleicht nach Berlin versetzt wird. Das wäre auch schön. Was noch? Weiterhin stricken mit den Besten, Impfungen für Alle und Weltfrieden.

Wünschen kann man sich alles!

 

 

 

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Für meinen heutigen Post muss ich bißchen weiter ausholen: mit 18 waren meine Leistungskurse in der Schule Geschichte und Englisch. Danach habe ich Hotelfach gelernt, Veranstaltungen organisiert, war selbstständig, dann pleite, habe in Oregon gelebt, mich wieder berappelt, bin über Umwege in Berlin gelandet und habe hier viel Geld verdient.

Als ich schuldenfrei war, habe ich gekündigt, um mich – 18 Jahre nach dem Abitur – an der Humboldt Universität in Berlin einzuschreiben. Die Lieblingsfächer unverändert: Geschichte und Amerikanistik. Parallel zum Studium habe ich 20 Stunden in der Woche gearbeitet, bin einmal um- und dann mit dem Mann zusammengezogen, der Teenager kam auf die Welt. In dem Jahr, in dem er eingeschult wurde, habe ich meinen Magister gemacht. Mit einer Arbeit über Hillary Rodham Clinton.

Heute bin ich Historikerin und Feministin.

Rückblickend weiß ich nicht mehr, wie ich das alles unter einen Hut bekommen habe.  Es muss die Frage nach dem Verhältnis von Macht, Sex und Gender in amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewesen sein, die mich tatsächlich nie wieder losgelassen hat. (“Cracking the highest, hardest glass ceiling” übrigens auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte).

Die Präsidentschaftswahlen 2008 und 2012, dieses Gefühl nach der Wahl 2016 – es hat sich mir eingebrannt, das weiß ich jetzt wieder. Heute ist alles anders als vor vier Jahren und dabei genauso schlimm. Oder schlimmer?

Behauptungen ohne Belege, Schimpftiraden, Verschwörungstheorien, Verleumdungen, Lügen. Eine Strategie der verbrannten Erde, die auf fruchtbaren Boden zu fallen scheint.

Pennsylvania, Georgia, Arizona, Nevada. “Democracy is sometimes messy.” Die Jahre vor Trump kommen nach Trump nicht wieder, heißt es. “America first.” Was jetzt rot ist, wird dann blau. “Buy American.”

Aushalten kann ich es nicht, also verweigere ich Nachrichten und Internet. Gleichzeitig will ich alles wissen. Bis ins letzte Detail.

Es ist Geschichte und Englisch. Es ist nicht mein Land. Weiß der Himmel, warum mir das so nah geht.

In den letzten Tagen habe ich immer wieder gehäkelt. Kleine Quadrate aus kleinen Wollresten. Eins nach dem anderen. Vier Gramm sind genug für Jedes. Stäbchen sind meine Lieblingsmaschen. Wußte ich das vorher schon? Nichts macht mich so gelassen, wie wieder und wieder den Faden zu holen und ihn durch eine Schlinge zu ziehen. Ein Mantra, übersetzt in Wolle.

Dabei sollte es das Projekt eigentlich gar nicht geben. Spontan hatten Magda und Andrea mir vergangene Woche davon abgeraten, als ich ihnen die ersten beiden Quadrate gezeigt habe. Sie wären zu unruhig.

Meine Hände haben das offensichtlich nicht gehört. Nun sind es viele Quadrate und es werden immer mehr (so, wie die abgegebenen Stimmen für die Demokraten). Sie werden immer diverser (so, wie die demografische Entwicklung in den USA).

Mit Glück wird es eine Decke. Fertig wird sie wohl noch bevor dieses unwürdige Spektakel zu Ende ist.

 

Fast ein UFO, aber eben nur fast

2013 habe ich Garn gekauft für ein schwarzes Lacetuch. Kaum dicker als ein Zwirnsfaden, jedes Knäuel nur 25 gr. und trotzdem 340 m (hallo?! dreihundertvierzig Meter!). Rückwirkend ist mir dieser Kauf unerklärlich.

Ich weiß noch, dass ich die Anfänge mitgenommen habe, um beim ersten YarnCamp daran zu stricken. Auch das eine Idee, auf die ich heute nicht mehr käme. Heute würde ich Socken stricken oder kraus rechts. Irgendeinen no-brainer. Wie heißt es so schön? Erfahrungen sind dazu da, dass man sie macht. Weit bin ich damals nicht gekommen mit meinem Tuch.

2014 hatte ich es – glaube ich – kein Mal in der Hand, immerhin habe ich im Oktober (03.10. “Fall Confessions”) darüber gebloggt; auch wenn dieser Blogpost irgendwo im Nirwana verschwunden ist. Auf Ravelry kann ich die Anfänge noch sehen.

Nirwana … Steilvorlage … Wenn ich das richtig weiß, bedeutet Nirwana sowas wie Zustand der Vollkommenheit, die Seele im Gleichgewicht. Kann es sein, dass wir (in der westlichen Welt?) das Wort total falsch benutzen?! Verschwunden im Nirwana hört sich mehr nach “verschwunden im Nichts” an, als nach “Seele im Gleichgewicht.” Wie dem auch sei, das Lace-Garn heißt Nirvana.  Wäre ich Herstellerin dieses Fädchens – ich hätte es anders genannt.

Aber gut. Zurück zu meinem wachsenden Tuch, mit dem ich dann auch 2015 nicht wirklich weiter gekommen bin. Immerhin habe ich wieder darüber gebloggt. Im Mai, im Juni (01.06. “Update on WIPs and Life”, auch dieser Post ist verschunden) und im September.

Im Sommer 2016 war Schluß. Da habe ich das Tuch, das nicht werden wollte, geribbelt. Dem Blogpost zu Folge, war es ungefähr halb fertig und ich hatte meine Gründe.

Wolle kann einen mich vorwurfsvoll angucken. Das weiß ich seither.

Also habe ich irgendwann neu angefangen. Wahrscheinlich 2018. Anfang 2020 war ich auf jeden Fall schon ziemlich weit. Dieses Mal habe ich gehäkelt, nicht mehr gestrickt. Ein Granny-Tuch, dreieckig aus der Mitte heraus mit einer 2,5er Nadel. Reihen, die immer länger wurden. Länger und länger und länger.

4 Knäuel hatte ich, die sollten da rein. Weil ich damit ganz sicher nichts anderes mehr mache. Nie mehr!

Nach dem Spannen ist es unglaublich weich, sehr leicht (100 gr), an der langen Seite ungefähr 2 Meter lang, total schlicht und irgendwie schön. Ich glaube, ich mag es.

Man könnte es also ein HappyEnd nennen.

Sieben Jahre für ein Tuch – wenn das nicht gut abgelegen ist, weiß ich es auch nicht. Den Platz beim karminroten Samstagsplausch hat es sich redlich verdient.

Sommer in Berlin

Wir wohnen in einer kleinen Straße, die letzte Hausnummer ist die 19. Mehrheitlich Einfamilienhäuser, viele davon auf zurückliegenden Grundstücken und deshalb immer mal wieder mit dem Zusatz “a”, “b” oder sogar “c”. Um die 50 Menschen, viele über 65 und jeder Haushalt mit eigener “Einbruchhistorie”. Allein in der 19 wurde viermal eingebrochen, dem Paar in der 8a das Auto gestohlen, in der 17 der Einbruch verhindert, weil der Nachbar das Licht der Taschenlampe sah – die Liste könnte ich zu jedem Haus fortsetzen.

Wir sind 2012 hierher gezogen. Kein Jahr später kamen Einbrecher durchs Küchenfenster … So richtig dagegen tun kann man nur wenig, sagte uns die Polizei damals. Und dass das Einzige, was wirklich schützen würde, aufmerksame Nachbarn sind.

Heute gleicht das Haus einer Festung Damals haben wir Fenster und Türen gesichert. Und im Folgejahr habe ich mit drei Nachbarinnen ein Sommerfest ins Leben gerufen. Seither treffen wir uns einmal im Jahr in wechselnden Gärten und alle tragen dazu bei, dass das Fest ein Erfolg wird. Zelt und Lichterketten, ein Buffettisch oder eine Kühlkiste für Fischfang in Skandinavien, diverse Grills und Biertischgarnituren, Gläser, Porzellan und köstliche Salate, sogar selbstgebrannter Erdbeerschnaps – schon verrückt, was andere in Keller und Garage lagern. Um die 40 Menschen feiern immer zusammen. Eher mehr als weniger.

Ich weiß noch, wie fremd wir uns im ersten Jahr waren. Ich hatte Anstecker vorbereitet, auf die sich jeder die eigene Hausnummer schrieb. “Ach, Sie sind das mit dem neuen Dach!” – “Der Herr aus der 3a, ob Sie mir den Ketchup geben würden?” – “Und Ihr wohnt in dem schönen, grünen Haus an der Ecke?”

Mittlerweile kennen sich eigentlich alle, manche sind neu zugezogen, andere sind nicht mehr dabei, mit vielen sind wir mittlerweile per Du und gefeiert wird jedes Jahr. Seither wurde nur noch einmal eingebrochen. In der 9b. Und das ist zwei Jahre her.

Nächstes Wochenende ist wieder Sommerfest und ich gestehe, ich gehe zum ersten Mal mit gemischten Gefühlen hin. Wir werden nicht auf Bierbänken sitzen, sondern auf Plastikstühlen, um Abstand wahren zu können. Es wird Desinfektionssprays geben, die genutzt werden müssen vor dem Gang ans Buffet. Grillen darf nur, wer Maske trägt. Wir werden (hoffentlich) alle achtsam miteinander umgehen.

Ob das dennoch zu leichtsinnig ist? Es ist ewig her, dass der Mann und ich an einer Veranstaltung mit so vielen Menschen teilgenommen haben. Und was bringen wir mit? Eine Schüssel Salat, aus der sich alle bedienen oder vielleicht doch besser Kuchen, der bereits in Stücke geschnitten ist? Was würdet Ihr machen? Absagen? Kuchen backen?

Ich bin eine von “den Guten”! – glauben wir das nicht alle? Die, die das Virus übertragen, sind “die Anderen”! – woher nehmen wir diese Sicherheit? Jede Woche, ach was: jeden Tag tue ich etwas, was ich genau genommen nicht tun sollte. So, wie Freitag morgen, als ich die Nachbarin auf der Strasse umarmt habe. Weil ich es einfach nicht hinkriege zu verstehen, dass Überträger auch die sein können, die ich gerne habe, die mir vertraut sind.

Schon vor Monaten ist eine Kinderdecke aus Wollresten fertig geworden. Gehäkelte Quadrate mit Blumen waren der Anfang, die Streifen kamen dazu und es fasziniert mich zu sehen, wie alles zu einer Einheit geworden ist. Die Farben und Materialien sind so schön zusammen. Der kleine Deckenbesitzer ist Anfang Februar auf die Welt gekommen und ich wünsche mir sehr, dass er irgendwann Spaß daran hat, an Blütenblättern zu zupfen, das Glitzern in dem grauen Regia Soft Glitter zu entdecken oder aus all den Farben, seine Lieblingsfarbe zu wählen.

Vielleicht ist es ja pink 😉

Verlinkt mit Andrea’s Samstagsplausch.